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Donnerwetter: Harley-Geburtstag in Milwaukee

Das Feierjahr findet seinen Höhepunkt: Ende August zelebrierte Harley in Milwaukee seinen 110. Geburtstag mit einer mitreißenden XXL-Party. NEWS-Frau Sophie tauchte kopfüber in eine Stadt im Ausnahmezustand.

Der Mann im Fernsehen kündigt mit ernsten Falten auf der Stirn „Serious Thunderstorms“ an, schwere Gewitterstürme. Ich zweifle an meiner Garderobe, die ich fünf Jahre nach meinem lederbewehrten Fauxpas zum 105-Jährigen Jubiläum diesmal auf tropische Zustände ausgelegt habe: Ob der Griff zu Kevlarjeans und Jethelm so pfiffig war? Der Sender schaltet wieder zu seinen Reportern, die fast rund um die Uhr an den Festplätzen in und um Milwaukee im Einsatz sind.
Da hat Harley mächtig was aufgefahren: Das Fest in der Heimatstadt ist neben der sommerlichen Sause samt Papstsegnung in Rom das zweite Highlight eines weltweiten Partymarathons: In elf Ländern auf sechs Kontinenten haben die Menschen in den vergangenen Monaten ihre Marke gefeiert, darunter China, Österreich, Indien, Neuseeland, Südafrika, Australien und Brasilien.
Immer mit dabei war die „Freedom Jacket“, eine Lederjacke, die Senior Vice President Mark-Hans Richter in der Hand hält, als am Donnerstag mit viel Tamtam und patriotischen Sprechgesängen der Countdown zur “Biggest Party in America” ausläuft. Die Joppe wurde im Laufe des letzten Jahres von Fahrern unterschiedlicher Nationalitäten getragen, die sich mit Aufnähern, Bemalungen und Körpersäften daran verewigt haben. Ungereinigt, so versichert Richter mit einem Augenzwinkern, wandert das wettergegerbte Kunstwerk nun mit ins Museum.
Und dann bricht er los, der angekündigte „Thunderstorm“. Allerdings nicht über den Dächern, sondern in den Straßen von Milwaukee. Ob im Festival Park am Ufer des Lake Michigan, vorm Harley-Hauptsitzt, bei den Händlerfeten, am Motorenwerk oder auf dem Gelände des Harley-Museums: Überall gibt es Fress- und Shoppingmeilen, Besichtigungstouren, Mitmach-Aktionen, Live-Mucke und Extravaganz fürs Auge.
Denn nicht nur das schon beinahe bis zur Unerträglichkeit zitierte „Freiheitsgefühl“ verbindet die Massen. Sondern auch der Drang zur Selbstdarstellung, den viele mit krassem Facelifting, exzentrischer Kostümage oder Tattoos an Maschinen und Körper ausleben. Mag man darüber denken, was man will: Unterhaltsam ist dieses Schauspiel allemal.
Die Sonne brennt gnadenlos und so verkrümele ich mich umso lieber ins Harley-Museum, wo neben stimmungsvoll in Szene gesetzten Relikten aus den Epochen der Firmenhistorie auch aktuelle Schmankerl zu sehen sind. Ein Neuzugang ist das Tsunami-Bike, das bei der Katastrophe von Fukushima im März 2011 aus einem Lagercontainer ins Meer gespült wurde. Zwei Jahre später strandete es, vom Salzwasser und den Gezeigten zernagt, mehr als 4000 Meilen entfernt an der Küste von British Columbia.
Im Museum trifft unser Journalistentrupp den Davidson-Clan. William G. Davidson, den Enkelsohn des Firmen-Gründers, seine Tochter, Kreativchefin Karen und sein Sohn Bill, der das Museum leitet. Und auch den aktuellen Chefs schütteln wir die Hand. Firmenpräsident Keith E. Wandell betont beim Schwatz, dass Harley in Zukunft weiter besonders junge Leute, Frauen und ethnische Minderheiten anfixen möchte. Seine Definition der großen Familie: Harleys sind für alle da. „Egal, welche Religion, welcher Gesellschaftsstatus und welche politische Einstellung: Wir verkaufen Bikes an Schwarz und Weiß, an Cops und manchmal auch an Räuber.“
Und so ist der Geburtstag vor allem auch ein großes Multikulti-Ereignis. Als ich mich am Samstag mit meiner Leih-Road-King vor der großen Parade in die Reihen einfädele, lande ich in einer Horde Brasilianer, die mich vom Fleck weg adoptiert und mit Girlanden garniert. Exotische Klänge und Trommelrhythmen wabern durch die Luft, dazwischen Wortfetzen unterschiedlicher Sprachen und Akzente. Ich treffe Russen, Italiener, Mexikaner, Araber und Neuseeländer, die für diese „lifetime experience“ halbe Weltreisen auf sich genommen haben.
Ich beobachte, wie ein propperer Kuttenträger einem buntbemalten Japaner eine winzige Schelle in die Hand drückt. Was es damit auf sich hat, frage ich ihn und erfahre, dass es sich um ein Glücksglöckchen handelt, die Harleyfahrer traditionell unten an ihren Rahmen pfriemeln. Sein Klang soll böse Straßengeister fernhalten. „And it reminds us, that there’s someone at home waiting for us”, sagt Bill, der sich als Texaner outet, mit feierlicher Stimme.
Wenige Minuten später versetzen knapp 7000 Vauzwo die Luft in Schwingungen. Mit einem gewaltigen Donnerwetter setzt sich der Festzug in Bewegung, untermalt von Gesängen, Gejohle, Hupen und Fanfaren. Vor mir schaukelt ein Meer aus Cowboyhüten, Sombreros, Indianerkopfschmuck und Blumenketten Richtung Downtown.
Halb Milwaukee scheint sich am Straßenrand versammelt zu haben. Ganze Horden sitzen auf Picknickdecken, Klappstühlen und Leitern und feiern die Biker wie heimgekehrte Kriegshelden. Alte und Junge, Blasshäutige und Farbige heißen „Harley Rider“ mit selbstgemalten Transparenten willkommen. Sie jubeln, recken erhobene Daumen in die Luft und strecken ihre Hände zum Abklatschen aus. Wenn die Parade stockt, springen Leute herbei und schütteln meine Hände, als habe ich etwas Besonderes geleistet. „Thank you for being here!“ bekomme ich immer wieder zu hören. Eine Oma umklammert mit faltigen Händen eine bemalte Pappe: „We can’t thank you enough“ – wir können euch gar nicht genug danken
Woher dieser Enthusiasmus kommt, erklärt mir House-of-Harley-Chef John Schaller, den ich wenig später auf seiner Dealer-Partys im Süden der Stadt treffe. „Harley ist hier ein riesiger Arbeitgeber. So ziemlich jeder hat wen in der Familie oder im Bekanntenkreis, der bei Harley oder bei einem der Zulieferer arbeitet. Dazu ist die Familie Davidson ist in Milwaukee seit Generationen verwurzelt, viele kennen die Familienmitglieder oder sind sogar entfernt mit ihnen verwandt.“
Die Konzerte, die an vielen Stellen über die Bühnen gehen, werden abends von den Headlinern gekrönt. Dass Aerosmith und Kid Rock ihre Bühnenshows mit Schnappschüssen der eigenen Bikes pimpen, bringen die mehr als 23 000 Besucher des Amphitheaters fast um den Verstand. Sichtbar in die Jahre gekommen kämpfen sich auch ZZ-Top tapfer durch ihren Auftritt, ehe am Samstagabend auf den offiziellen Festplätzen die Lichter ausgehen und in den Seitengassen die Hölle ausbricht. Bis zum Morgengrauen schwingt Musik, Motorengebrüll, Reifenquitschen und Sirenen in der warmen Sommerluft.
Motorrädern mit Unterbodenbeleuchtung lassen die nächtlichen Straßen bunt schimmern. Kerls in ergonomisch bedenklichen Sitzpositionen hinter ihren Apehangern füttern das Klischee vom „Bad Boy“ mit düstrem Blick und knapp bekleideten „Bunnys“, die huckepack auf dem Soziusbrötchen kauern. Im Vergleich zum 105-Jährigen sind diesmal aber auffällig viele Ladies unterwegs, die die Lenker ihrer schweren Geräte selbst in der Hand haben.
Beim Spaziergang durch die Stadt zucke ich alle naselang beim hochtourigen Heulen der Motoren zusammen und merke, wie mir Kosenamen wie „Rowdy“ und „Poser“ auf der Zunge kribbeln. Die Anwohner sind da weniger spießig: Sie lachen, winken und ermutigen die Biker sogar noch mit eindeutigen Gesten, am Hahn zu drehen.
Ohnehin haben Motorradfahrer an diesem Wochenende fast Narrenfreiheit. Die Ordnungshüter sind allgegenwärtig, haben aber ein auffällig dickes Fell übergestreift und drücken eher ein Auge zu, als auf Konfrontationskurs zu gehen. Irgendwie ist es ja auch ihre Fete, denn viele verbringen einen Großteil ihres Arbeitstages im Sattel von E-Glide, Road King und Co, was beeindruckende Blüten treibt.
Denn beim Geschicklichkeitswettbewerb der Polizei unten am See zirkeln Chiefs, Detectives und Deputys ihre schweren Schlachtschiffe geradezu virtuos durch den engen Pylonenparcours. Immer am Lenkanschlag und mit funkensprühenden Trittbrettern, angefeuert vom typisch hysterischen Gejubel, das ich so bisher nur aus dem Fernsehen von amerikanischen Politikerreden oder Talkshows à la Oprah Winfrey kannte. Ich verdrehe die Augen. Aber als eine junge Polizistin mit ihrer E-Glide fehlerfrei und in rekordverdächtigem Tempo durch das Labyrinth jagt, entfleuchen mir plötzlich selbst ein paar anerkennende Töne. Ich geb’s zu, diese „good vibrations“ sind einfach ansteckend.
Text und Fotos: Sophie Leistner

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