Die Highlights der Alpen liegen im Westen, wo unter 3000 Metern gar nichts geht. Der Osten gibt sich bescheidener. Aber nicht weniger gewaltig, wie ein Kurzurlaub im Salzburger Land und in der Steiermark zeigt
Endlich angekommen. Nach 750 Kilometern Autobahn haben wir unser Moho-Hotel in Lofer im Dreiländereck Salzburg-Tirol-Bayern bezogen. Die Motorräder sind betankt und die verschneiten Hörner der Loferer Steinberge glänzen mit den grinsenden Gebissen der Kollegen um die Wette. Ein Blick auf die Landkarte lässt erahnen, dass wir uns allerfeinstes Heizrevier für unseren dreitägigen Vergleichstest ausgesucht haben. Das Material dazu könnte kaum unterschiedlicher sein: BMW HP2 Megamoto, KTM 990 Supermoto, Guzzi Griso und BMW R1200R sind unsere Arbeitsgeräte für die kommenden Tage.
Uns kribbelt der Hintern und wir halten auf der Karte Ausschau nach einem geeigneten Ziel für einen ersten Akklimatisierungs-Ausflug. Zwar zittern die Straßenlinien im Süden und Westen ungemein zackig über die Landkarte, doch auch die Landschaft in dieser Gegend hat ihren Reiz. Die Pisten geizen nicht mit beeindruckenden Steigungen, markante Felsmassive und schneebedeckte Gipfel lassen Heidi-Feeling aufkommen. Der plätschernde Bach hinterm Haus und das Glockengeklimper von Nachbars Ziegen setzen der Atmosphäre das Sahnehäubchen auf.
Wir geben der Idylle eins auf die Mütze und lassen die Motorräder losbollern. Unsere Feierabendrunde startet hinterm Haus, wo wir in eine schmale Straße einbiegen. Der Frühlings hat jetzt, Anfang Mai, zaghaft erste Triebe wachgeküsst. Dort, wo es durch waldige Etappen geht, lässt das zarte Blätterdach das Sonnenlicht über den Asphalt tanzen.
So geht es hinauf nach Faistau und Loderbichl. Dort spuckt die Gondelbahn aus dem Ort im Sommer Scharen von Urlaubern aus, die die Umgebung auf einem Erlebniswanderweg erkunden. Im Winter brummt hier der Skibär. Doch im Augenblick liegt die Ansammlung vereinzelter Häuser in einem seltsamen Dämmerschlaf.
Nur wenige Kilometer weiter plätschert Schmelzwasser über den Asphalt, die Kulisse wird zunehmend karger, Schnee bedeckt die Wiesen. Als sich die Straße auf 1400 Metern Höhe in einer Schotterpiste verliert, machen wir für einen Fotostopp Rast. Nur noch wenige Grad über Null zeigt das Cockpit der R1200R an. Im Süden klammert sich eine düstre Gewitterfront hartnäckig an die über 2200 Meter hohen Gipfel der Reiter Alpe.
Unser Atem dampft. Wie gut, dass die dicken Pullis 800 Höhenmeter weiter unten im Hotel liegen. Beim Blick auf Uhr, Thermometer und Blutzuckerspiegel gelüstet es uns nach der Küche unseres Gastgebers. So lassen wir es fürs Erste bei dieser kleinen Runde und brausen wieder hinunter zum Landhaus Eva-Marie, um uns mit Pasta, Spätzle und Topfen Bettschwere anzufuttern.
Wir frühstücken mit Blick auf die Schneegipfel von Ochsenhorn, Reifhorn und Breithorn, allesamt um die 2500 Meter hoch. Wirt Stefan gibt uns Tipps für den Tag. Er erzählt außerdem, dass das Vier-Nächte-Angebot „Bikergenuss Großglockner" der Renner in seinem Programm sei. Kein Wunder: Bis zum höchsten Berg Österreichs sind's nur etwa 80 Kilometer.
Doch leider liegt die Mutter aller Alpenpässe nicht auf unserem Weg. Wir wollen nach Osten. Das Moho-Hotel Panorama in Hohentauern ist unser Tagesziel. Der Routenplaner kündigt „nur" 214 Kilometer an, doch die ziehen sich, wie uns Stefan verrät. Deswegen machen wir erst einmal Meter und folgen bis Saalfelden der B311. Auf der B164 wird es wieder schnörkelig. Über den Filzensattel und den Dientner Sattel bekommen die Laufflächen der Motorradreifen auf ganzer Breite zu tun. Das bezaubernde Panorama des Steinernen Meeres im Norden zieht immer wieder unsere Blicke auf sich. Bei Mühlbach biegen wir ab zum Arthurhaus. Ein wahres Desaster bahnt sich an, als sich auf zwölf Uhr ein Lkw rußend die Steigung hinaufkämpft. Doch das Sträßchen serviert den Bergaufstieg in appetitlichen Kurvenportionen und bietet unterwegs reichlich Gelegenheit, die Kriechkolonne zu überholen. Oben genießen wir die glasklare Weitsicht auf den fast 3000 Meter hohen Hochkönig mit seiner schimmernden Schneehaube.
Nur rund 35 Kilometer weiter treibt uns der Hunger in Eben im Pongau in einen sonnigen Biergarten. Pasta und Pinienkerne, Pizza und Parma geben Power für die Nachmittags-Etappe. Wir bleiben auf der Bundesstraße. Dank der gut ausgebauten 320, von der wir bei Liezen auf die 113 wechseln, kommen wir gut voran, Während die schroffe Kulisse der Kitzbüheler Alpen im Rückspiegel verschwindet und den sanften Hügeln der nördlichen Steiermark weicht, macht sich Wehmut breit. Vielleicht wären wir doch besser im Salzburger Land geblieben?
Doch ab Trieben zeigt die liebliche Landschaft ihr zweites Gesicht. Endlich ändern wir unseren kontinuierlichen Ostkurs nach Süden und folgen der 114. Graphitwerk, Magnesitabbau und Straßenbaustelle verpassen der Straße eine pulverige Patina. Wir müssen vorsichtig fahren. Ist vielleicht auch besser so, denn die folgenden Kilometer haben es in sich und würden Fell und Fleppe ernsthaft gefährden. Die Straße führt durch den Wolfsgraben zwischen Schwarzkogel und Triebenstein, die beidseitig in den Himmel schießen. 20 Prozent Steigung verlangen Fahrern und Motoren einiges ab. Nach zehn Kilometern passieren wir die Passhöhe der Triebener Tauern. Kurz hinter Hohentauern erreichen wir unsere Herberge. Das Moho Panorama mit Blick auf den Großen Bösenstein mit über 2400 Metern macht seinem Namen alle Ehre.
Am nächsten Morgen starten wir mit Tipps und Karte von Wirt Hermann im Tankrucksack Richtung Norden. In Trieben schlagen wir den Weg nach Admont ein. Die Beschilderung verspricht Fahrspaß, denn sie kündigt eine Strecke mit Verbot für Wohnwagengespanne an.Und tatsächlich geht es Profil und Fußrasten ordentlich an den Kragen, als wir in einer erstklassigen Berg- und Talfahrt nach Norden pflügen. Aber auch die Fahrwerke müssen auf dem holperigen Asphalt ganze Arbeit leisten.
Vorbei am Schloss Kaiserau und der Benedikt-Abtei in Admont fahren wir durch die enge Schlucht des Nationalparks Gesäuse. Stromaufwärts, die Enns mal links, mal rechts im Bild, geht es über bestes Geläuf. Linkerhand erhebt sich der Buchstein, ein Hochplateau, aus dem sich mehrere 2000er erheben. Kurven, Überholmanöver und phantastische Aussichten wechseln einander ohne Unterbrechung ab.
Unzählige zermatschte Insekten und aufgeschnupfte Autos später biegen wir bei Hieflau nach Süden ab.
Plötzlich zieht in der Ferne ein Koloss von einem Berg die Blicke auf sich. Der legendäre Erzberg. Zwischen den bewaldeten Hügeln und Granitfelsen der Reichenstein wirkt der gigantische Erdhaufen beinahe deplaziert. Wie ein gigantisches Stück Toblerone zwischen Schlagsahnehaufen. Dunkle Schokolade versteht sich, denn seine Terrassenhänge schimmern in allen erdenklichen Braun-Nuancen.
Jahr für Jahr ist der Erzberg Schauplatz erbitterter Enduro-Gefechte. Leider sind wir zu früh dran, das Erzberg-Rodeo findet erst in einer Woche statt. Und auf den Berg kommen wir auch nur mit Haulies, umgebauten Schwerlastkraftwagen. Mit denen karren die Kumpel sonst täglich bis zu 20 000 Tonnen Erz und Gestein durch die Gegend. Doch die Haulies stehen still und mit den Motorrädern kommen wir sowieso nicht hinein.
Wie gern hätten Till und Guido hier ein paar Steine umgedreht. Und sei es nur für ein Poser-Foto. Aber bevor das Geflenne losgeht, trösten wir uns mit einer regionalen Spezialität. In der Limonadenbrauerei Nitsche tanken wir Almrausch-Kräuterlimonade, das Erzberger Pendant zum bekannten Almdudler.
Die Sonne steht tief, als wir sie ab Traboch anpeilen und den direkten Heimweg über die Bundesstraße 113 einschlagen. Die Etappe hat ihren ganz eigenen Reiz: Die Seckauer Alpen zur Linken, die Eisenerzer Höhen zur Rechten sind in einen warmen Tabakton getaucht. Im Abendlicht erscheint das Relief der Berge umso markanter und die satten Farben erinnern an Monets Landschaftsmalerei. Knödelschmaus, Palatschinken und der Holunderschnaps, den Wirt Hermann grinsend serviert, geben uns nach der deftigen Sauerstoff-Dröhnung den Rest.
Die anderen Gäste verabschieden uns am dritten Tag winkend mit einem „Weidmannsheil". Achtsamkeit ist angebracht. Die Triebener Tauern werfen noch ihre Schatten auf die Straße und nachts wird es hier auch Anfang Mai noch oft frostig. Solange wir durchs Polsental fahren, lassen wir es deswegen ruhig angehen.
Ab Judenburg ist Schluss mit der gemächlichen Gangart, denn es geht auf die Bundesstraße 77 Richtung Köflach. Bis zum Gaberlhaus sind es zwar nur wenige Kilometer, doch die schnörkelige Straße, über die wir uns in die Höhe schrauben, lässt die Überholmanöver zusehends schneidiger werden. Das Gaberlhaus auf der Stubalpe markiert die Passhöhe und unseren ersten Kaffeestopp des Tages. Die Motoren knistern, Häferlkaffee und Cappuccino duften und Richtung Süden bietet sich ein grandioser Blick auf die Packalpe. Fehlt eigentlich nur noch der Motorradverkehr. Das Gasthaus liegt nämlich in einer sensationellen 180-Grad-Applauskurve der Bundesstraße. Die verbeulten Leitplanken lassen erahnen, was hier im Sommer los ist.
Wir schlürfen den dampfenden Bohnensaft genüsslich und hätten nicht schlecht Lust, eine Kostprobe der steirischen Küche hinterherzuschicken. Doch es ist noch zu früh am Tag, um die Knochen mit Kalorien zu beschweren. Hinunter nach Köflach folgt Kurve auf Kurve. Auf der Hangseite tut sich alle paar Meter der Blick über die Kurven auf, in denen sich die 77 ins Tal stürzt.
Wir können uns nicht recht trennen von der bezaubernden Kulisse der Packalpe. Im Dorfladen gibt's deswegen Brötchen und „Kilometerwurst" auf die Hand und für die Mittagpause suchen wir uns ein hübsches Fleckchen auf einer Alm. Bis Hüttenberg sind die meisten Kalorien, reichlich Pneu- und Bremsbelagssubstanz wieder verbraten. So abenteuerlich der Fahrbahnzustand, so klobig die Griso und so voll die Mägen auch sein mögen: Die Jungs lassen es richtig krachen und sind nach wenigen Kurven aus meinem Blickfeld verschwunden. Kein Wunder. Zwar erinnert die Piste zwischen Klippitztörl und Hüttenberg eher an Satellitenaufnahmen vom Mond. Doch mit Pylonen, die entlang der frischen Fahrbahnmarkierung aufgestellt wurden, hat die Straße etwas von einem Sumo-Track. Während ich die Megamoto hinterherfliegen lasse und gefasst bin, zermatschte Salamander und Schneehasen einzusammeln, ticken die angestupsten Pylonen meiner Vorreiter noch im Zickzack über die Fahrbahn.
In Hüttenberg biegen wir auf den Hof vom Harrer Museum. Das beherbergt Ausstellungsstücke des Forschungsreisenden, widmet sich seinen Büchern und Bildern, Landkarten und Zeichnungen. Wir stapfen durch die Freianlage des Museums, vorbei an tibetischen Buddhas, Gedenkmühlen und Gebetsfahnen. Beim Kaffee meditieren wir über der Landkarte und gucken uns für den Endspurt einen Abstecher über den Naturpark Grebenzen aus. Durchs einsame Lachtal und über die unzähligen Kurven von Hochegg geht es zurück nach Hohentauern. Als ich meine Brocken aufs Bett werfe, purzeln unzählige zerquetschte und luftgetrocknete Fliegen auf die geblümte Wäsche. Weidmannsdank!
Text: Sophie Schatter
Fotos: Guido Bergmann, Sophie Schatter
Aus:
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