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Brecheisen im Maxitest: Harley-Davidson Softail Breakout

Dicke Schlappen, lange Gabel, ein sagenhaftes Felgendesign und 103 Kubikzoll – über 20 Mille ruft Harley für seine neue Softail Breakout auf. Ist das edle Dragbike der richtige Komplize für den Ausbruch aus dem öden Alltag?

Noch zwei Klienten über­kronen, dann ruft die HOG-Ausfahrt nach Westerland. Wenn Zahnwälte und Sansi­bar-Gäste sich nach Frei­heit sehnen, greifen sie zur Harley. Ein Klischee. Aber die Breakout ist angesichts der simplen Technik ein­fach verdammt teuer. Mit solcherlei Häme muss der Besitzer also leben.
Dass heimatlose Anarchisten, le­der­bejackte Windgesichter und an­dere Wild Ones über 20 000 Euro für Harleys neuesten Softailtraum zusammenkratzen können, ist jedenfalls unrealistisch. Dabei hätte es noch heftiger kom­men können: Für die CVO Breakout, die vom Werk in der „Custom Vehicle Operations“ gepimpte Edel-Variante, wären fast 28 000 Euro fällig. Allerdings ist das beste Stück längst ausverkauft.
Die CVO-Breakout kam aber so gut an, dass Milwaukee flugs eine Standard-Breakout aus dem Hut zauberte. Frisch aus dem Ei geschlüpft, hat Harley sie uns in zeitlosem Schwarz vor die Tür gestellt. Hinten dreht sich eine prächtige Walze, ein 18-Zöller in 240er Breite. Vorne kreist ein riesi­ger 130/60 in 21 Zoll.
Die Gabel ist lang gereckt, der Lenkkopfwinkel flach. Bei der altbekannten Softail-Schwester Fat Boy beispielsweise steht der Lenkkopf ganze vier Grad steiler. Diese Geometrie hat natürlich Auswirkungen auf das Handling des Ausbrechers, aber dazu später mehr.
Die aufwändig gestalteten Felgen sollen an alte Hot Rods erinnern: Jede zweite Speiche und den Felgen­rand hat ein fleißiges Harley-Bienchen auf Hochglanz poliert. Der Heckfender stoppt abrupt und gibt den Blick auf die Superschlappe frei, das Kennzeichen ist schmaler als das Gummi. Ansonsten gibt’s viel Chrom, eine mächtige V2-Skul­p­tur, gerade Lenkstange. Und kein Schnick­schnack – dank gut versteck­ter Kabel, eines schicken Zündschlos­ses auf Kniehöhe und minimaler Ins­trumentierung wirkt die Breakout sehr sauber. Oder „clean“, wie der Customizer gerne angelsächselt.
Kleiner Praxistest, die Breakout flugs vor die Eisdiele gestellt. Kein männliches Wesen bleibt ange­sichts solch stählerner Erotik ungerührt. Je nach Gattung wird heim­lich ge­blinzelt (Sozialneider, Angst­hasen), mit offenem Mund gesabbert (ehrli­che Bewunderer, Kinder, Hunde) oder demonstrativ die Nase gerümpft (Chopper-Hasser, Salafisten).
Frauen scheinen sich weniger für die Breakout zu interessieren.
Was allerdings auf Gegenseitigkeit beruht: Das unbequeme Sitzbrötchen kann man ratz­fatz abnehmen, die Linie bleibt trotzdem stimmig. So muss die Sozia nicht mehr als Deko hinten hocken, sondern kann auf der heimischen Corbusier-Liege in Fachzeitschriften für Zahn­walts-Frauen schmökern. Falls es so etwas gibt.
Zündung. Der Twin schüttelt sich nach einem metallischen Erstschlag ein paarmal und wabert dann zart blubbernd vor sich hin. In der Break­out arbeitet der 1690 Kubik große Twin Cam 103B. In dieser Variante verfügt der Motor über gleich zwei Ausgleichswellen und wird steif im Rahmen verschraubt. Die Vibratio­nen sind dadurch zurückhaltend, weich und Freunden charakterstar­ker Technik sehr willkommen. Der „normale“ 103er in den Dyna-Model­len verzichtet auf diese Beruhigungs­pille und schüttelt sich mehr, ist im Rahmen allerdings gummigelagert.
75 PS gibt Harley für den Zweizylinder an, davon bleiben auf dem NEWS-Prüfstand 70 Pferdchen bei 5000 Umdrehungen übrig. Auch die 118 Newtonmeter bei 3250 Touren liegen unter der Werksangabe. In dieser Fahrzeugklasse ist das nicht wirklich ein Beinbruch, zumal der Zweizylinder immer noch reichlich Dampf aus dem Keller bietet. Auf der anderen Seite wollen immerhin 323 Kilo Leergewicht auf Trab gebracht werden. Und optisch macht das Metallgebirge ja auf Dragbike und Muskelprotz – umso ärgerli­cher, wenn an der Ampel ein 48- PS-Bike mithalten kann.
Ein wenig Mecker gibt es für die Abstimmung speziell im dritten Gang, den man doch hin und wieder zum Beschleunigen nutzt. Zur Einhaltung der Umweltvorschriften muss sich hier unter anderem bei bestimmten Dreh­zahlen die Auspuffklappe schlie­ßen. Wir haben nachgemessen: Bei 3000 Touren beispielsweise lie­fert der dritte Gang 41 PS, der vierte Gang hingegen 47 PS. Das fühlt und hört sich nach einem Korken im Auspuff an, der irgendwann rausploppt.
Die Breakout schlürft im NEWS-Drittelmix 5,5 Liter. Nicht vergessen, wir reden hier von einem luftgekühlten Stoßstangen-Twin mit enormen 1,7 Litern Hubraum. Zum sparsamen Umgang mit dem Brenn­stoff trägt auch der sechste Gang des kernig zu schaltenden Männer­getriebes bei, der als lang übersetz­ter Overdrive ausgelegt ist. Und das Dahinblubbern bei Landstraßentempo ist so entspannend, dass man die Tankrechnungen bei der Krankenkasse einreichen kann.
Dazu passt die Sitzposition, die weniger angestrengt ist als es von außen den Anschein hat. Gut, längere Autobahnetappen zehren an den Kräften, der Fahrer hängt dann genretypisch wie ein Spinnaker im Wind. Rangieren und Stopp-and-go sind trotz der niedrigen Sitzhöhe von 66 Zentimetern auch nicht lus­tig, das hohe Gewicht sowie die hohen Handkräfte von Bremse und Kupplung verlangen den ganzen Kerl. Aber: Wer die Breakout ihrer Bestimmung zuführt und lässig durch die Gegend bollert, findet ein nettes Plätzchen samt bequemem Sitz. Und kann mit breitem Lenker auf böser Bube machen.
Dabei muss die Softail wegen des üppigen Hinterreifens mit Nachdruck um die Ecke gebogen werden, der Schräglagenbedarf ist immens. Das sieht dann schon bei niedri­gem Tempo für Außenstehende ziemlich flott aus, nach ein paar Kilometern hat man sich dran gewöhnt.
Echtes Kurvenknistern ist wegen der geringen Schräglagenfreiheit allerdings nicht drin, die Rasten setzen früh auf und der Cruiser drängt in Kehren nach außen. Im Gegenzug läuft der Twin sauber geradeaus – so lange keine Längsrillen in Sichtweite sind, denen der breite Gummi nachlaufen kann. All diese Eigenheiten sind der Preis für die scharfe Optik. Bei aller Störrigkeit bleibt die Break­out jedoch stets gut berechenbar.
Das Fahrwerk ist ordentlich abgestimmt, es liefert einen brauchbaren Kompromiss zwischen Kom­fort und choppertypischer Resthärte. Zaubern kann die Breakout dabei nicht, der Federweg ist und bleibt im Heck sehr kurz. Und so reichen die gut versteckten Dämp­fer knackige Treffer artig  an die Bandscheiben weiter. Beim Ankern auf der letzten Rille geht die Gabel schon mal auf Block  –  solch sportliche Großtaten erlaubt sich aber im Normalfall eh niemand.
In einer Disziplin kann die Break­out auch fahrdynamisch mächtig punkten: Der Bremsweg ist mit 38,9 Metern im Schnitt fantastisch, die kürzeste Einzelbremsung mit 36,6 Metern sogar rekordverdächtig. Ob­wohl die Breakout-Bremsen nach Holzfällerpranken verlangen und wenig Rückmeldung liefern, ist die Wirkung bei einer reinen Vollbrem­sung enorm.
Hier passen offensicht­lich die heck­lastige Gewichtsvertei­lung, Reifen­grip, Fahrwerks- und ABS-Abstimmung perfekt zusammen. Zum Ver­gleich: Ein Supersport-Eisen wie die Ducati Panigale benötigt 43,8 Meter zum Anhalten – während der Harley-Pilot sich im Ernst­fall auf den Schreck eine Zigarre anzündet, muss der buckelnde Ledermann im Graben seine Plas­tikteile zusammensuchen.
Wie steht’s mit den kleinen Details, die Besitzern solcher Chromberge besonders wichtig sind? Viel Licht, ein wenig Schatten. Kabel oder andere Störenfriede sind wie erwähnt kaum zu sehen, im schicken Tacho versteckt sich ein kleiner Bordcomputer mit Drehzahlmesser und Restreichweite, das ABS hat Har­ley ebenfalls unsichtbar verbaut und das Rücklicht steckt in den Blinkern. Lack- und Chromqualität sind superb. Die Armaturen unterscheiden sich wohltuend von einfacher Massenware.
Dass die Fußrasten nicht von allein wieder runterklappen, die Spie­gel vor allem die eigenen Jackenärmel zeigen oder das Licht eher schwach ist, kann noch als nervige Eigenart durchgehen. Rostige Schräubchen an den Auspuffschellen allerdings oder braune Pest an den Endkappen der Töpfe, das sollte nicht sein. Nun gut, in der Praxis steht so ein Hobel viel in der Garage und wird täglich poliert. Die Gammelgefahr ist perspektivisch entsprechend gering.
Kommen wir zur Gretchenfrage: Breakout oder nicht? Rein fahrdyna­misch gibt es deutlich flottere Harleys, übrigens auch in der Softail-Baureihe. Und hier geht’s wirklich nicht ums Rasen – selbst wer mal beherzt durchs Allgäu blubbern möchte, sollte sich den Kauf genau überlegen. Denn die Breakout hat viele Eigenarten, die zügigem Motorradfahren im Wege stehen.
Das dicke Ding als Schmuckstück ins Wohnzimmer stellen, zur Tiefenentspannung Chrom polieren, sich vom fetten V-Twin durch duftende Kornfelder schieben lassen und da­bei bluesige Freiheitslieder in den Helm singen – das passt. Ob dieser Ausbruchsversuch über 20 000 Euro wert ist, muss jeder Gefangene letzt­lich für sich entscheiden.
 
Technische Daten Harley-Davidson Breakout

Motor, Kraftübertragung:*
Bauart:     Zweizylinder-Viertakt-V
Hubraum:     1690 cm³
Bohrung x Hub:     98 x 111 mm
Ventile pro Zylinder:     2
Gemischaufbereitung:     Einspritzung
Leistung:     55 kW (75 PS) bei 5010 min-1
max. Drehmoment:     130 Nm bei 3000 min-1
Abgasreinigung:     U-Kat / Euro-III
Superbenzin 95 ROZ, luftgekühlt, Elektrostarter,
 6-Gang-Getriebe, Riemenantrieb
    
Fahrwerk, Rahmen, Bremsen*:
Rahmen:     Doppelschleifen-Stahlrohrrahmen
Nachlauf:     146 mm
Lenkkopfwinkel:     35°
Radstand:     1710 mm
Federung vorn:     Telegabel, 117 mm Federweg
Federung hinten:     zwei Federbeine,
    Dreieck-Stahlschwinge, 79 mm Federweg
Bereifung vorn:     130/60 B 21
Bereifung hinten:     240/40 R 18
Bremse vorn:     292-mm-Einzelscheibe,
    Vierkolben-Festsattel
Bremse hinten:     292-mm-Einzelscheibe,
    Zweikolben-Schwimmsattel
 
Füllmengen, Preis*:
Tankinhalt:     18,9 l
Werkstattintervalle:     8000 km
Preis zzgl. Nk.:     20 405 Euro
    *Herstellerangaben

MOTORRAD NEWS-Messwerte:
Gewicht vollgetankt:      323 kg
Gewicht fahrfertig o. Kraftstoff:     309 kg
max. Zuladung:     210 kg

Verbrauch:     5,5 l /100 km
Reichweite:     343 km
vmax / Tacho:     178 / 190 km/h

Beschleunigung:
0 – 100 km/h:     5,9 sek
0 – 140 km/h:     12,5 sek

400 m bei stehendem Start:     14,5 sek

Durchzug im 5. Gang:
60 – 100 km/h:     6,9 sek
100 – 140 km/h:     9,6 sek

ABS-Bremsung
aus 100 km/h (trocken):
    38,9 m

Galerie: 

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