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Südliche Toskana: Sinnesfreude


Genuss neu definieren. Das ist zwischen den Schnörkelstraßen, antiken Städten, Weinbergen und Restaurants der südlichen Toskana ein Leichtes. Sahnehäubchen der Region: Ein erloschener Vulkan mit Thermalquellen und endlosen Buchenwäldern.

Wetterkapriolen

Francesco weiß auch nicht, was mit dem Wetter los ist. Der Regen, der uns zum Berghotel Le Macinaie auf den Monte Amiata gespült hat, ist völlig untypisch für die Region. Solche Niederschläge wie in den letzten Tagen, so berichtet der sympathische Hotelier, hätten sie hier sonst selbst im Herbst über Wochen nicht. Dabei hatte unsere Reise morgens an der Autoreisezug-Station in Bozen noch bei Sommerwetter begonnen. Doch mit jedem Kilometer Richtung Südtoskana wurde die Witterung ungemütlicher. Es folgten Stunden im Waschküchenwetter, bei dem ich Erik mit seiner MT-01 kaum noch im Rückspiegel sehen konnte. Kurz vor der Ankunft schließlich hatten der Buchenwald mit seinen hübschen hohen Baumriesen, das schräg einfallende Licht und trockener Asphalt am Monte Amiata unseren gebeutelten Sinnen geschmeichelt. Und die neuen Reifen meiner Versys dürfen erstmals deutlich über die Lauffläche kippen.
Und nun sitzen wir wohlig erschöpft, mit einem üppigen Mahl und toskanischem Wein im Bauch mit dem Team von Le Macinaie beisammen. Früher, so erzählt uns Francesco, waren die Winter am Monte Amiata hart. Schneesport und Wintergastronomie florierten damals. Aber seit einigen Jahren bleibt die weiße Pracht aus, der viel besungene Klimawandel macht auch vor dem toskanischen Hinterland nicht Halt. Der Tourismus passt sich an und ganze Gasthäuser am Monte Amiata stehen leer, während an anderer Stelle neue Geschäftskonzepte ausgetüftelt werden.
Der Motorradtourismus hat Zukunft, da sind wir uns später im Gespräch mit Enrico sicher. Er ist der Spezialist für Motorradtouren und schürt unsere Vorfreude auf die kommenden Tage: Bewaffnet mit Textmarker, Landkarte und einem ansteckenden Grinsen legt er los. Geschichtliche Anekdoten und Appetit anregende Tourbeschreibungen ergießen sich über uns. Erzählt Enrico von den kurvigen Straßen nördlich des Monte Amiata, greift er in imaginäre Lenkerenden und schaukelt von einer Pobacke auf die andere. Die Stationen unserer Touren wie Roccalbegna, Pitigliano und Radicófani zählt er mit genüsslich gerolltem R und gespitzten Lippen auf. Und mit Küssen auf seine zusammengepressten Fingerspitzen schwärmt er von Wein, Olivenöl, Trüffel, Kastanienbrot und Nudelspezialitäten. Besonders für Erik mit seinem Pasta-Spleen scheint die Toskana Schlaraffenland zu sein. Bald läuft uns das Wasser im Munde zusammen – und die Gashand kribbelt.

Zwischen Buchen und Kastanien
Unser erster Ausritt ins Umland des höchsten Berges der südlichen Toskana entschädigt am Morgen prompt für die Tortur des Vortages. Wir lassen es langsam angehen und lassen die Motorräder entspannt im Entenmarsch hinter Enricos dicker Goldwing bergabschwingen. Mit hochgeklappten Kinnteilen der Klapphelme inhalieren wir das moosig-pilzige Waldaroma.
Der Anblick der unförmigen Findlinge, die im Nebel zwischen Wurzeln und schlanken grauen Buchenstämmen aus dem Moos ragen, sieht merkwürdig vertraut aus. Von Francesco erfahre ich später, warum. Der Monte Amiata ist ein erloschener Vulkan. An manchen Stellen ist die Erde nur wenige Zentimeter unter der Oberfläche warm und der Boden durchsetzt vom typisch porösen Vulkangestein. So, wie ich es von Motorradreisen auf Island kenne.
Talwärts wandelt sich die Vegetation. Die Buchen werden vom Kastanienwald abgelöst. Im Tal folgen schließlich die Olivenhaine mit ihren verkrüppelten Bäumen und geschwungene Weinhügel. Hier und da wandern geduckte Gestalten durchs Gehölz und sammeln Maronen, Cecio und Bastarda Rossa, wie die typischen Kastanienarten vom Monte Amiata heißen. In den entbehrungsreichen Jahren nach dem Krieg waren sie die Nahrungsgrundlage der Menschen. Damals wurden die Früchte in der Kastanienmühle Le Macinaie gemahlen und zu Kastanienbrot verbacken.
Wie das schmeckt, erfahren wir in der Pasticceria Flamini in Semproniano. Dort backen Fabiano und seine Frau Marijke nach überlieferten Rezepten. Das Ergebnis reicht von saftigem Kastanienkuchen, der ein wenig an Rosinenstuten erinnert, über derbes Brot und pikante Cracker bis zu zuckersüßen Kastanienplätzchen.
Wenige Kilometer vor Saturnia setzt Enrico den rechten Blinker und deutet talwärts. Unten sehen wir die weißen Terrassenbecken Cascate del Molino der Terme di Saturnia. Barbauchige Menschen lümmeln im 37,5 Grad warmen, schwefelhaltigen Wasser. „Früh morgens ist es hier besser“, verrät uns Enrico und rümpft angesichts der vielen blassen Leiber die Nase. „Manchmal fahren wir sogar nachts hierher. Dann ist es am besten!“, lässt er uns auch noch wissen und grinst verschmitzt. „Mit Brot von Fabiano und Wein von Mister Bruni und Wurst von Familie Cerboni aus Castel del Piano.“ Die Jungs vom Monte Amiata wissen einfach, wie man genießt. Unser Interesse ist aufs Neue geweckt. Fabiano kennen wir ja schon. Und mit Romeo Bruni und Cerbonis möchte uns Enrico auch noch bekannt machen.

Appetitliches Potpourri
Kaum haben wir den Anker wieder gelichtet, muss ich schon wieder ans Essen denken. Kein Wunder, bei der Gewürzmischung: Wir passieren immer wieder knorrige Olivenbäume und Pistazien, schnuppern wilden Wacholder, Salbei und Lorbeer. Weiter im Süden mischen sich je nach Jahreszeit sogar Aromen von Lavendel, Rosmarin und Orangen ins appetitliche Potpourri, Wir rollen durch hübsche Zypressenalleen, vorbei an Hügeln bedeckt mit blühendem Klee und Mohn, Ginster leuchtet über ganze Hügelketten mit der Sonne um die Wette.
Dieser Landstrich scheint es voll und ganz auf unsere Genuss-Ader abgesehen zu haben. Mit Erfolg. Wir futtern eine Woche lang, was die Küche hergibt, und stolpern dabei auch über allerlei amüsante kulinarische Kuriositäten der Region. Als wir beim Pranzo, dem Mittagessen, auf eine Pizza im bekannten Weinstädtchen Montalcino einkehren, entdecken wir beispielsweise links der Teller Gabel und rechts eine gewöhnliche Papierschere. Zunächst fühlen wir uns ein wenig veräppelt. Doch obwohl wir uns wie von einer versteckten Kamera beobachtet fühlen, machen wir den Spaß mit und schnibbeln Capricciosa und Salami in mundgerechte Stücke. Im Le Macinaie kennt keiner den Brauch. Wir scheinen also doch einem Touri-Gag auf den Leim gegangen zu sein.

Schlaraffenland
Zurück im Hotel nimmt uns am Abend Maurizio wieder unter seine Fittiche und setzt uns an einen elegant mit weißem Tuch und Weinflasche dekorierten Tisch. Erstaunt registrieren wir, dass wir ganz allmählich in eine Gourmetstimmung kommen, die wir daheim gar nicht von uns kennen. Mit jedem Abend genießen wir die kulinarischen Ausflüge durch die verschiedenen Piatto, Gänge, und genießen es trotz mangelnden sprachlichen Verständnisses, Maurizios melodiöse Erläuterungen à la „Coniglio al Finocchio“ und „Pici all’agliata“ durch den Gehörgang plätschern zu lassen.
Bei der nächsten Motorradtour mit Enrico begreifen wir angesichts des geothermischen Kraftwerks von Bagnore auf dem Weg nach Santa Fiora von Neuem, welch ungeheuren Erdkräfte unter dem lieblichen Monte Amiata schlummern. Mit Freude lassen wir uns von Enrico über einsame Seitenstraßen lotsen. Durch ein Meer gelbblühenden Ginsters geht es Richtung Monte Labbro. Immer wieder schieben sich mittelalterliche Dörfer ins Sichtfeld, die als terracottafarbene Kleckse auf den Anhöhen thronen.
Der Weg hinauf zum Parco Faunistico führt einige Kilometer über anspruchsvolle Schotterpisten. Erik und Enrico stellen den Beweis auf, dass auch große Motorräder offroad eine durchaus souveräne, wenn auch polterige, Figur machen können. Oben angekommen, genießen wir einen atemberaubenden Fernblick und begegnen wilden Eseln. Die Wölfe und Mufflons, die es laut Reiseführer hier geben soll, verstecken sich wahrscheinlich im Gestrüpp.
In der Käserei Fiorino in Roccalbegna setzen wir unseren kulinarischen Streifzug fort. Simone erzählt uns über die Herstellung vom Pecorino-Schafskäse, zeigt uns die appetitlichen Käselaibe, gewährt einen Blick in die kühlen Reifekammern und lässt uns an den unterschiedlichen Sorten schnüffeln: Jung, alt, mit Trüffel oder ohne. Als er uns erzählt, dass die Käserei derzeit an neuen Vermarktungsstrategien tüftelt, bröckelt das Heile-Welt-Bild des romantischen Refugiums wieder. Große Lebensmittelketten machen auch hier kleinen Traditionsbetrieben das Leben schwer.

Rituelle Verkostung
Die Reise führt uns im Rhythmus der Berg- und Taletappen abwechselnd durch dunkle Wälder und Weingärten. Dort fallen uns Rosenstöcke auf, die am Ende der Rebenreihen blühen. Was für uns Laien wie kitschiger Landschaftsschmuck anmutet, entpuppt sich im Gespräch mit dem Fachmann als rein wirtschaftliche Maßnahme. Romeo Bruni, ein enger Freund von Enrico und eine Koryphäe auf dem Gebiet des Weinanbaus, klärt uns auf: Die sensiblen Rosen werden deswegen in die Weinbaugebiete gesetzt, weil sie bei Schädlingsbefall oder Krankheit als erstes befallen werden und dem Winzer Gelegenheit geben, einzugreifen. Während unseres Besuchs auf seinem Weingut Villa Patrizia in Cana führt er uns durch die moderne Anlage und seinen Weinkeller, rituelle Verkostung mit ausgiebigem Schnuppern, Schwenken und bedächtigem Nippen inbegriffen.
Nach fahrintensiven Tagen gönnen wir uns zum Abschluss der Woche einen Wellness-Ausflug zur Terme dei Bagni San Filippo, wo wir uns endlich das lang ersehnte Bad im vulkangewärmten Wasser gönnen. Das vor Mineralen ganz milchige Wasser bezieht seine Wärme, so wie viele Thermalquellen der Gegend, vom Vulkan Monte Amiata. Und ob unserer Faulenzerei setzt auch prompt wieder Regen ein und versaut die metereologische Statistik.
Am Nachmittag kommen wir in direkter Nachbarschaft zum Le Macinaie und geschützt unterm Blätterdach in den Genuss eines ungewöhnlichen Spaßes. Katharina Breu, gebürtige Österreicherin, betreibt dort in den Baumkronen einen Klettergarten. Bereits bei ihrem ersten Besuch auf dem Monte Amiata habe sie sich in diesen freundlichen Wald verliebt, schwärmt sie und spricht uns damit aus der Seele. Mit dem Hochseilgarten „Amiata Balance“ hat sich die Sozialpädagogin vor kurzem einen Traum erfüllt. Gern sind wir zwei ihrer ersten Gäste und genießen auf Schwebebalken und Wackelpfaden die Abwechslung zum exzessiven Kurvenräubern der letzten Tage.
Ganz im Sinne des kulinarischen Programms brennt mir am Abreisetag nur noch eine Frage unter den Nägeln. Ob Chefköchin Claudia wohl das Rezept der formidablen Bohnensuppe vom ersten Abend herausrückt? Als Antwort reicht mir Francesco nur grinsend den 2009er Hauskalender „Cucina Toscana“ über den Tresen. Übrigens: Besagte „Acqua Cotta“ vom Mai-Blatt schmeckt überbacken mit einer Scheibe Pecorino-Schafskäse auch daheim ganz köstlich.

Sophie Schatter / Erik Leistner

Übernachtungs-Info: Wir verbrachten die Woche im Berggasthof Le Macinaie, einem Partnerhotel von Feelgood Motorradreisen, etwa 100 Kilometer südlich von Siena. Von der Vorab-Information mit Kartenmaterial, Infobroschüren und Anfahrtsvorschlägen bis zu Bewirtung, Tourenplanung und Betreuung durch das Le Macinaie-Team um Enrico Bracciali und Francesco Gentile bekamen wir ein einmaliges Rundum-Sorglos-Paket. Inzwischen gibt es im Le Macinaie auch Miet-Motorräder. Infos unter www.lemacinaie.com und www.feelgoodreisen.de.

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