MOTORRAD.NET NewsFeed
MOTORRAD.NET Facebook-Seite
Follow MOTORRAD.NET on Twitter
MOTORRAD NEWS
Regionale Motorradmagazine
Motorrad Gespanne
Roller Szene

Island: Heißzeit

Ein von Gegensätzen geprägtes Fleckchen Land mitten im Nordatlantik: Feuer trifft auf Eis, auf Sturm folgt absolute Stille, und in endloser Mondlandschaft findet man saftige Oasen. Island ist ein Paradies für abgehärtete Naturfreunde
 
 
Ab in die Wanne
Jetzt erstmal eine heiße Wanne! Seit Stunden schmeißen wir uns auf der Hochlandpiste Kjölur Steine um die Ohren. Geröll, so weit das Auge reicht, in der Ferne schimmern die Kuppen gigantischer Gletscher. Die Temperatur liegt unter Null, über uns glimmt der pastellfarbene Himmel der Mittsommernacht. Morgens um zwei tauchen endlich die heißen Quellen von Hveravellir auf. Halbzeit auf der Kjölur. Der Dampf der müffelnden Blubberpfützen legt sich als feine Schicht aus Eiskristallen auf unsere F 800 GS, als wir in Badesachen und Wollmützen in den Hot Pot springen. Dort begrüßen uns drei junge Berliner mit einer Dose Bier. In Nullkommanix haben wir einen im Tee. Herrlich!

Beim Vulkanfilmer

Geothermalgebieten wie diesem begegnen wir auf unserer Reise alle naselang. Etwa am nächsten Tag im Haukadalur. Neben schmatzenden Schlammlöchern spuckt der Geysir Strokkur imposante Fontänen in den Himmel, unzählige Butterblumen nicken ihm dabei anerkennend zu. Island ist eine Hexenküche, die zwar oft nur unterschwellig köchelt, in der es aber oft heiß hergeht. Keiner weiß das besser als Villi Knudsen. In Reykjavík besuchen wir sein Red Rock Cinema, in dem er täglich seine Vulkanfilme zeigt. Seit er zwölf wurde, steht Villi hinter der Kamera. Als 1963 bei gewaltigen Eruptionen vor der Südküste die Insel Surtsey geboren wurde, war das die Feuertaufe des jungen Filmers. Inzwischen ist Villi alt geworden und ich frage mich, wie er im Falle eines neuen Vulkanausbruchs mit seiner riesigen Arriflex 16-Millimeter-Kamera und dem wuchtigen Holzstativ schnell vor Ort sein will. Für ihn ist das kein Thema, denn er hat ja seine „Panic-List“. Villi fährt mit dem Finger über das vergilbte Papier. „Wollsocken, Batterien, Whisky“, Villi lacht sein heiseres Zeitlupenlachen. Er weiß, worauf es ankommt, wenn man im Lavaregen am Kraterrand tanzt.
Ehe wir vor einer Schlechtwetterfront Richtung Osten flüchten, treffen wir meine Brieffreundin Rakel. Das fröhliche Kaffeekränzchen wird jedoch bald zum ernsten Gespräch, denn erst jetzt begreifen wir die Folgen des isländischen Finanz-Desasters. Familien stecken im Schuldensumpf, viele haben alles zurückgelassen und sind mit Nichts ins Flugzeug gestiegen. In der Frustration und Perspektivlosigkeit verkommen viele Viertel Reykjavíks regelrecht zu Ghettos, in den Straßen häufen sich brutale Überfälle. Rakels Worte liegen uns schwer im Magen und fast kommen wir uns vor wie Katastrophentouristen. So schnell wie möglich möchten wir den Städten wieder den Rücken kehren.
 
Schnörkelloser Süden
Der flache Südwesten mit seinen Wiesen und schnurgeraden Asphaltstraßen sagt uns überhaupt nicht zu und wir hoffen, die BMWs bald wieder artgerecht bewegen zu können. Wir lassen uns von der Gischt der bildschönen Wasserfälle Seljalandsfoss und Skógarfoss die Helmfrisuren ruinieren und staunen über das Farbspektakel bodendeckender Alaska-Lupinen. Kurz vor Vík lullt uns am Kap Dyrhólaey der Herzschlag der Brandung ein. Mit Blick auf vorgelagerte Felsnadeln und alberne Papageitaucher lauschen wir dem Wispern der schwarzen Kieselsteine. Unterwegs landen wir wieder einmal im Fast-Food-Restaurant. Ich flüchte in Gedanken ins Städtchen Akureyri an der Nordküste, wo ich Erik wenige Tage zuvor zu einem Fressgelage im „Bláa kannan Café“ verdonnert habe. Ein altes Haus, hübsch hergerichtet, sanfte Jazzmusik, Quiche und Törtchen auf geblümten Tellern. Und Milchkaffee – mit echtem Schaum! Eine Rarität in Island. Kulinarische Flops sind auf dieser Reise eher die Regel, weswegen wir die meisten Zeltplätze mit Frischkost beladen ansteuern.
 
Eisige Begegnung
Als wir die Heringe an einer Gletscherlagune in den Schotter drücken, dampft auf dem Kocher bereits eine deftige Kjötsúpa mit Lauch, Möhren, Schafsfleisch und Kartoffeln. Doch unsere Aufmerksamkeit gilt unserem imposanten Gegenüber: Mit offenem Mund beobachten wir, wie sich vis-à-vis ein Teil der Bruchkante löst und mit lautem Getöse ins Wasser rauscht. Wie ein von Koliken geplagter Patient, der behäbig nach einer erträglichen Position sucht, wälzt sich der Eisblock ächzend hin und her, bevor er sanft schaukelnd zur Ruhe kommt. Stundenlang starren wir aufs Eis und warten auf die nächste Regung. Ich kann mich nicht satthören an dem Donnergrollen, das sich wie ein fernes Gewitter durch die Eissichten arbeitet, mal heranrollt und mal in der Ferne verebbt. Dazwischen kristallklares Klingeln oder mächtiges Krachen. In den kommenden Nächten reißen wir oft hektisch den Reißverschluss auf, weil unser Nachbar wieder Magenknurren hat. Doch der Brei?amerkurjökull ist ein ganz Schüchterner: Meist wartet er, bis wir uns umgedreht haben, und legt dann los. Doch es gibt kein Entrinnen: In einer geführten Gruppe rücken wir dem Gletscher mit Steigeisen und Pickel auf die Pelle. Vier Stunden lang klettern wir durch Spalten, über weißes, blaues und aschegeschwärztes Eis. Hinterher bringt das GPS die ernüchternde Erkenntnis, dass wir nur ein Zipfelchen der Eiskappe erkundet haben.
Schweren Herzens trennen wir uns von diesem Ort und werden auf der F208 mit astreinem Hardrock-Geläuf getröstet. Es folgen Schotterpisten, felsige Kraxelpassagen und Sandabschnitte, gespickt mit unzähligen Furten. Das Repertoire reicht vom flachen Kiesbett über morastige Ströme bis zu tiefen Wasserläufen mit Stolpersteinen. Meine Stiefel sind durchweicht, seit ich mich durch die erste größere Furt gefüßelt habe, doch erst nach der gefühlten 20. Furt schlüpfen wir endlich in unsere Watstiefel. Weil jeder Fluss seine eigenen Tücken hat, macht sich der sperrige Anglerdress noch richtig bezahlt.
 
Von den bunten Bergen kommen wir
Erschöpft, aber glücklich erreichen wir den Campingplatz im Landmannalaugar, einem Landstrich mit kunterbunten Bergen. Wir decken uns erst einmal in der „Mountain Mall“ ein, einem Mini-Supermarkt, in dem man sich auf die Bedürfnisse der Hochlandtouristen eingestellt hat. Anfangs gab es im ausrangierten Bus nur Fisch, heute umfasst das Sortiment Kaffeepulver, Socken und Mückenhauben, Landkarten, Tampons, Isomatten und portionierten Zucker. Vor dem Laden schlürfen wir unseren Frühstückskaffee zusammen mit Stefan Erdmann, dem Macher des Films „Island 63° 66° N“. Mit seinen brillanten Bildern hatten wir uns daheim auf die Reise eingestimmt. Während wir unsere Nasen fröstelnd in den Bechern verstecken, steht der Lockenkopf barfuß neben uns und erzählt strahlend von seinem neuen Projekt: Island aus der Luft.
Wir haben leider keinen guten Bekannten mit Ultraleichtflieger und müssen die Vogelperspektive mit purer Muskelkraft erkämpfen. Beim Blick auf den Serpentinenpfad an der Flanke des Bláhnúkur schwöre ich, dass es beim Spaziergang bleibt. Doch keine Stunde später hat uns blanke Wanderwut gepackt. Mit jedem Schritt wird die Aussicht spektakulärer. Wir wandern bis zum buntgestreiften Berg Brennisteinsalda, schnuppern an dampfenden Quellen, queren barfuß ein eiskaltes Flüsschen und schlendern zu guter Letzt über einen erkalteten Lavastrom. Acht Stunden und sieben Kilometer später erreichen wir mit rauchenden Socken die geparkten Motorräder.
 
Abenteuer Hochland
Am nächsten Morgen hocken wir geschunden vor unserem Zelt und warten darauf, dass die Sonne unsere Lebensgeister wachküsst. Noch heute soll es auf die Sprengisandur gehen, eine 200 Kilometer lange Hochlandpiste, die dieses Jahr wegen der späten Schneeschmelze erst Anfang Juli freigegeben wurde. An der letzten Tankstelle in Hrauneyjar holen wir uns noch ein paar Tipps. Hier trifft sich alles, was in Island unterwegs ist: Jeeps parken neben Enduros und einem Ultraleichtflugzeug, Wanderer schnüren die Stiefel.
Die Sprengisandur ist landschaftlich, nun ja: kontrastarm. Stundenlang fahren wir durch Mondlandschaft, aus Geröll und Sand. In den kurzen Momenten, in denen der Wind den Atem anhält, ist es absolut still. Dennoch: Diese Weite, diese Piste, unsere Motorräder, die goldene Mitternachtssonne! Wir bekommen ein immer feineres Gespür für unsere Packesel und das stetig wechselnde Geläuf der F26, lassen die Kieselsteine fliegen.
Auf halber Strecke verbringen wir die Nacht im grünen Tal Nyidalur und plaudern uns am Morgen mit Soffia Sigurdardóttir fest. Sie arbeitet für Landsbjörg, den Zusammenschluss isländischer Rettungsteams.Soffia erklärt, worauf es beim Furten ankommt: „Nie an der schmalsten und damit tiefsten Stelle furten. Niedriger Gang, langsame und konstante Geschwindigkeit. Und hebt euch schwierige Furten für den Morgen auf, dann führt der Fluss am wenigsten Wasser.“ Das können wir direkt beherzigen: Der Fluss, in dem das Schmelzwasser des Vatnajökulls manchmal einen Meter hoch fließt, wartet vor der Tür auf uns. Erfreulicherweise beschert uns das gute Wetter über den ganzen Tag moderate Wasserpegel.
 
Zurück in die Zivilisation
Als nach rund 100 Kilometern wieder Vegetation ins Bild rückt, kommt es mir vor, als habe die Abgeschiedenheit der letzten Tage meine Wahrnehmung geschärft: Ich rieche Gras, Kräuter und Birken, lange bevor wir sie sehen können. Genüsslich inhalieren wir die frische Brise des Godafoss, als wir grottendreckig und kaputt unser Zelt in Hörweite des Wasserfalls aufschlagen. Im Restaurant belohnen wir uns mit zwei typischen Gerichten: Lamm und Forelle. Für viele haftet der isländischen Küche ja etwas Barbarisches an. Dabei haben fermentierter Hai und Rochen, eingelegte Schafsinnereien, Robbenflossen und Hammelhoden gar nichts Perverses an sich. Wenn man bedenkt, dass die Nordmänner auf dem rauen Eiland eine spärliche Speisekammer vorfanden und das Beste aus dem machen mussten, was Land und Meer hergeben.
Nächster Halt: Der Mückensee „Myvatn“. Er hat seinen Namen von den Plagegeistern, die ihre Opfer durch ausgeatmetes Kohlendioxid orten und zielstrebig in Nase, Mund und Ohren schießen. Im Internet kursiert sogar das Gerücht, man habe in der Gegend schon erstickte Pferde gefunden, die Atemwege verstopft von Mücken. Das soll uns nicht jucken: Jetzt, Mitte Juli, haben Abertausend Brutvögel die meisten Mücken weggefuttert. Wir können unser Lager am Seeufer in vollen Zügen genießen, besuchen die heißen Quellen vom Námaskard und das Vulkansystem Krafla. Es riecht nach faulen Eiern, die Erde schimmert mit jedem Schritt in einer anderen Nuance. In Braun, Rot, Blau, Neongelb oder Giftgrün, je nachdem, welches chemische Element vorherrscht.
 
Island von oben
Und dann gehen wir doch noch in die Luft und buchen einen Rundflug. In der klapprigen Cessna wünsche ich mir, ich wüsste nicht um die Folgen maroder Bowdenzüge und verstopfter Vergaserdüsen. Aber als wir über die Vulkanlandschaft kreisen, nehme ich das merkwürdige Klackern unter meinen Füßen schon gar nicht mehr wahr. Auch das Furtenlabyrinth sieht aus der Luft ganz bezaubernd aus. Wir sind froh, es mal nicht vom Motorrad aus betrachten zu dürfen.
So viel Schönheit will verdaut werden. Und so cruisen wir durchs Gletscherflusstal Jökulsdalheidi – um am Wasserkraftwerk Kárahnjúkavirkjun prompt das Kontrastprogramm serviert zu bekommen. Zwei Flüsse wurden aufgestaut, Täler, Wasserfälle, Moore, Heide und Sümpfe fielen der Energiegewinnung eines Aluminiumwerks zum Opfer. Das Werk verarbeitet Bauxit, das von der Südhalbkugel herbeigeschippert wird, das Endprodukt wiederum reist für die Weiterverarbeitung erneut um den Globus. Unsere phantastische Reise durch dieses widersprüchliche Land klingt widersprüchlich aus. Einsamkeit und Zivilisation, Vergötterung der Natur und ihre Unterwerfung, Hitze und Kälte – nach fünf Wochen rollen wir wieder auf die Fähre, fasziniert und nachdenklich zugleich.

Sophie Schatter / Erik Leistner

 

Aktuelle MOTORRAD NEWS

Unsere 9 regionalen Magazine

 Regios 
MotorradSzene-Magazine im Überblick
 Kurve 
Regio-Magazin für Schleswig-Holstein, Bremen, Niedersachsen, Mecklenburg
 Motorradtreff Spinner 
Regio-Magazin für Berlin, Brandenburg
 MotorradTreff 
Regio-Magazin für Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen
 Syburger 
Regio-Magazin für Nordrhein-Westfalen
 MoKo - Motorrad Kontakte 
Regio-Magazin für Kassel, Paderborn, Bielefeld
 Motorrrad Spiegel 
Regio-Magazin für Baden Württemberg
 Nürburger 
Regio-Magazin für Mittelrhein, Eifel
 Motorrad Szene 
Regio-Magazin für Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland
 Motorrad Szene Bayern 
Regio-Magazin für Bayern

Umfrage

Umfrage: Welcher 2017er Supersportler gefällt euch am besten?:

MOTORRAD.NET Gewinnspiel

MOTORRAD.NET Gewinnspiel

Mitmachen und gewinnen!

Neue Mitglieder auf motorrad.net

Schlagwortwolke