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Reise Dolomiten: Zinntology für Anfänger

Gore statt Leder
Verschlungen habe ich die vielen Reiseberichte, mein Nachbar Peter gibt seiner Speed Triple dort immer wieder die Sporen, etliche Internet-Videos zeugen von Kurven, schroffem Fels und einer anscheinend schlecht besetzten Lokalpolizei. Aber jetzt bin endlich ich dran – Alpenglühen in den Dolomiten ist angesagt.
In Feldthurns bei Brixen soll ich auf den Rest der Truppe stoßen, die sich mit einem vollgepackten Transit auf den Weg gemacht hat. Aus Platzgründen wurde mir die Gnade eines Linienfluges nach München zuteil, wo eine Xmoto frisch geputzt und vollgetankt auf ihren Einsatz wartet.
Dass für den ganzen Trip nur drei knappe Tage angesetzt sind und die Wettervorhersage nach Gore statt Leder schreit, verdränge ich beim Aufsatteln in der Münchener BMW-Zentrale. Stattdessen rede ich dem bajuwarischen Reitwagen gut zu und verpasse ihm – Traditionalisten bitte wegschauen – ein Navi.Mit der Einstellung „Mautstraßen vermeiden“ lenkt der elektronische Co-Pilot das mit vier Sätzen Wechsel-Unterwäsche, vier Paar Socken und einer Ausgehuniform bepackte Leichtgewicht über Garmisch-Partenkirchen auf die Brenner-Nebenstrecke. Hier kommt zum ersten Mal das Feeling auf, dass mich die nächsten Tage nicht mehr loslassen soll: Kurven kratzen, Landschaft einsaugen, Autos, Wohnmobile und Reisebusse wie abgelegte Ex-Freundinnen hinter mir lassen Im Jet gab’s nur lecker Käsebrot, weshalb der Magen bereits vor dem Grenzübertritt in den Stiefelstaat anfängt, sich selber zu verdauen. Kurz vor Brixen tauchen dann noch zwei Jungs auf ihren Fazers im Rückspiegel auf, schnupfen mich auf. Hinterher? Vor jeder Kurve ankere ich mich ran, doch die Kreuze am Wegesrand und das Loch im Bauch scheinen mir sagen zu wollen: „Mach mal halblang, das hier ist doch nur das Vorspiel“.
Brunch-Stopp in Brixen im Südtiroler Eisacktal. Der barocke Dom, der berühmte Kreuzgang mit seinen atemberaubenden Malereien, die Laubengänge mit den zahllosen Klamottenläden – wunderschön, aber satt macht’s nicht. Erst ein Espresso und „Panini con Speck“ am Domplatz geben Kraft für die letzten Meter zu „Taubers Unterwirt“ in Feldthurns, unserem Treffpunkt und eines der drei Mohos, die wir in den nächsten Tagen abklappern wollen. Knapp zehn Minuten nach mir trudelt der NEWS-Transit ein. Parken, ausladen, noch ein Käffchen auf der Terrasse und die Route bequatschen, dann sitzen wir wieder auf dem Bock.

Auf Messners Spuren
Erstes Ziel des gemeinsamen Ausritts ist Obereggen im Eggental, jedoch nicht ohne vorher das Sellajoch unter die Räder genommen zu haben. Von Feldthurns zischen wir los durchs Villnösser Tal, dessen berühmtester Sohn Reinhold Messner heißt. Und hier rückt sich mein Weltbild ein wenig zurecht: Klar, dass der gute Mann trotz abgefrorener Extremitäten immer wieder die Nähe der Berge sucht – die Kulisse der Geislergruppe muss sich in sein inneres Auge gebrannt haben. Bisher hatte ich Messner in der Schublade „kauziger Almöhi“ abgelegt. Jetzt grübele ich, ob ich nicht auch mal 8000er besteigen sollte.
Über St. Peter treiben wir die Bikes zunächst rauf zum etwa 2000 Meter hohen Würzjoch. Die Luft wird dünner, die Motorleistung nimmt ab und übermütige Wheelies aus den Kehren werden schwieriger. Der 2876 Meter hohe Peitlerkofel wirkt vom Würzjoch aus ein wenig wie ein Haufen steinzeitlicher Faustkeile, welche die Dolomiten-Putze artig zusammengefegt hat.
In St. Martin kriegen wir die Kurve in den gar nicht so sonnigen Süden, knattern durch Pedraces, folgen den Schildern zum Grödner Joch. Immer wieder tauchen Motorräder aus dem deutschen Norden, Holland oder gar England vor uns auf. Beim Tankstopp klärt Zapfwart August uns auf: „Die Süddeutschen machen ihre Touren meist näher an der Heimat. Von weiter oben kommen die, die einen echten Motorradurlaub geplant haben.“ Während wir uns fragen, ob August hier Räuberpistolen von sich gibt, rollen als lebender Beweis neben uns zwei Ledermänner aus Recklinghausen an die Zapfsäule.
Den Kopf randvoll mit neuen Erkenntnissen über die Südtiroler Motorradszene starten wir durch zum Sellajoch. Für die komplette Sellarunde über Pordoijoch und Campolongo-Sattel reicht die Zeit nicht mehr. Letzte Sonnenstrahlen beleuchten den Langkofel. Wir saugen sie auf der Passhöhe gierig auf, lauschen dem krachenden Echo entfernter Steinschläge und lüften die stinkenden Joppen.
Bei der Talfahrt von Kehre zu Kehre meißelt sich ein Grinsen, dass kaum unter den Helm passt, in die erschöpften Gesichter. Also noch mal rauf und wieder runter, ein kleines Stechen unter Kollegen wird ja wohl noch drin sein. Bei der dritten Abfahrt ist’s dann genug – nicht weil die Jungs warten, aber die BMW zeigt deutliches Bremsfading. Den Rest des Weges bis zum Moho-Motorradhotel Obereggen am Fuße des Latemars folgen wir dem Leuchten des Navis in der Dämmerung. Noch ein vorzügliches Menü einwerfen, ein, zwei, Gläser Trentiner Rotwein und mit dem Zirpen der Grillen einschlummern.

Geist und Blase
Kartenmaterial aus dem Hotel gibt uns Inspiration, Richtung Süden zum Lavazé-Joch auf 1800 Meter, dort soll es erstmal ein zweites Frühstück geben. Doch hier liegt das Gipfelvolk noch in den Federn, noch ein Blick auf Schwarz- und Weißhorn und weiter geht’s. Als wir ins Tal stoßen, verschafft uns eine Schafherde die nötige Zigarettenpause. Die zahllosen Köttel auf der Fahrbahn und das Blöken der wolligen Ureinwohner wirken wie Opium. Wir rollen gemächlich bis zum 4000-Seelen-Städtchen Cavalese im Fleimstal. Die Bestellung von Espresso und Kuchen klappt hier nur auf Italienisch, der handfeste Beweis, dass wir Südtirol hinter uns gelassen haben. Noch versehentlich ein spanisches „Gracias“ hingeschmettert, fragende Blicke geerntet und die Bikes durchgetauscht – bei Nieselwetter laden wir durch. Passo di Manghen, Passo Brocòn und Passo di Rolle wollen wir heute knacken.
Am schmalen Passo di Manghen mit seinen fast drei Dutzend Kehren lacht kurz die Sonne, wärmt die nassen Pfoten. Die Kurven der Nordrampe durchschleifen wir mit gespanntem Gaszug. Echtes Alpenglühen halt. Die Abfahrt ins Val di Calamento könnte genauso schön sein – wenn Petrus nicht wieder schlechte Laune schieben würde. Über Borgo und Strigno poltern wir hinter zwei Schweizern nach Norden zum Brocon her. Auf Thruxton und GSX 1400 lassen die Jungs es richtig krachen. Wir geben nach, als wir einen Reisebus gruppendynamisch mit den Schultern touchieren.
Auch der Passo di Rolle liegt einsam in den Gewitterwolken, hier und da rauscht ein Blitz durchs Geäst. Vom mächtigen Klumpen namens Cima della Vezzana ist wegen dichten Nebels nur wenig zu sehen. Nach zwei Rutschern auf glitschigem Grund legen wir einen Foto-Stopp ein. Ein Schluck aus dem Gebirgsbach, der weiter unten in den Lago di Forte Buso münden dürfte, belebt Geist und Blase.
Nach dem stressigen Ritt am Vortag soll’s genug sein. Cruising zurück über Cavalese und Predazzo nach Truden ist angesagt. Dort checken wir im „Ludwigshof“ ein, der über eine eigene Motorrad-Garage inklusive Werkzeug verfügt. Juniorchef Werner gibt uns Tipps für den nächsten Tagestrip, wir schmieren die gequälten Ketten, ziehen die Schrauben am Navi nach und dampfen den Dreck von den Bikes. Futtern, ein Spaziergang noch und ab ins Bett.

Mehr Fotos
Mit den Worten „Wir brauchen noch Fotos!“ beginnt die letzte und längste Etappe, diesmal zum Gardasee. Zwei Stunden Quälerei über vollgestopfte Parallelstraßen der A 22 nach Riva del Garda lohnen sich nicht: Es regnet, die Fotos hätte man auch an der Nordsee schießen können. Da gäbe es wenigstens frische Krabben.
Ein Ausflug von Malcesine am Ostufer auf den Monte Baldo soll neue Perspektiven bieten. Doch selbst das zerschossene Kaninchen, das zum Mittagessen in Prada auf dem Teller landet, schmeckt im Tröpfchenhagel nicht so recht.
Bevor der kostbare Tag im Dreckswetter endet, beschließen wir über die Autostrada zurückzuballern und die Sellarunde zu fahren – Transit und Abendessen warten in Feldthurns auf uns.
Die Abendsonne blinzelt am Sellajoch noch einmal durchs Visier, der grandiose Ausblick ins Grödnertal erinnert uns, warum wir eigentlich hier sind: Der makellose Asphalt, in Spaghetti-Manier gewundene Passstraßen, die klare Luft lassen den selbstverschuldeten Streß der letzten Stunden wie getrockneten Schlamm von uns bröckeln. Nur noch Schalten, Bremsen, die Drosselklappen auf Durchzug stellen – aufsaugen und für immer im Kopf bunkern.
Abgekämpft wie Vietnam-Veteranen stolpern wir in den Trudener „Unterwirt“, laden noch drei Bikes in den Transit. Bei reichlich Bier, Kaninchenragout, Polenta-Türmchen gefüllt mit Gorgonzola sowie Melone an, auf oder mit Parmaschinken quatschen wir Benzin. Mitten in der Nacht raschelt es im Zimmer. Es ist Kollege Guido, der mitten in der Nacht noch die Bandit nach Hause überführen will. Alpenglühen soll er dabei gesehen haben.

Till Ferges

Reiseinfo Dolomiten
Allgemeines: Als Teil der südlichen Kalkalpen verteilen sich die Dolomiten auf die Provinzen Belluno, Südtirol und Trentino. Im Norden werden die Dolomiten durch das Pustertal, im Süden und Osten durch den Piave und im Westen durch Etsch- und Eisacktal begrenzt. Größere Städte als Ausgangspunkt sind Brixen im Norden und Bozen im Nordwesten, wo der DB-Autoreisezug (www.dbautoreisezug.de) hält. Auch Ausflüge zum Gardasee sind von hier aus problemlos an einem Tag zu schaffen. Mal üppig bewachsen und tiefgrün, mal schroff und eisweiß ist die Landschaft. Unzählige Pässe warten auf Besuch, unter der Woche kann es je nach Region sogar sehr einsam werden. Der Sommer- und damit auch Motorrad-Tourismus spielt eine große Rolle in den Dolomiten, ein Grund für die einwandfreie Infrastruktur.
Motorrad:
Regenkleidung sollte immer mit, das Wetter kann sehr unbeständig sein. Zudem wird es auf den Passhöhen meist richtig frisch. Wenn die Sonne lacht, sind Kurven aller Radien und zahllose Kehren vor allem ein ideales Geläuf für Supermotos, aber auch mit anderen Gattungen lässt sich hier prima das Abwinkeln üben. Der Asphalt ist meist sehr gut, das Polizeiaufkommen erstaunlich gering. Sollte es dennoch mal blitzen, wird es richtig ungemütlich: Beschlagnahmungen von Motorrädern durch die Polizei sind in ganz Italien mittlerweile Usus.
Übernachten:
Die drei von uns besuchten Mohos konnten mit vorzüglichem Essen, sauberen Zimmern und sicheren Stellplätzen aufwarten. Alle Mohos auf einen Blick sowie örtliche Wetterberichte, GPS-Daten und Tourentipps findet man unter www.moho.at. Je nach Saison sollte man mindestens 50 bis 70 Euro pro Person und Nacht im Doppelzimmer einkalkulieren. Auch Camping ist möglich, eine Liste von Campingplätzen in Italien gibt es auf www.camping.it.
Reisezeit: Auf das Wetter ist in den Bergen über das ganze Jahr nur wenig Verlass, die beste Reisezeit ist die Zeit vom Frühsommer bis in Frühherbst, gesperrte Pässe sind dann eher selten. Doch auch im Hochsommer können Gewitter und Regenwolken aufziehen. Tipp: In der Hauptferienzeit kann vor allem die Anreise über den verstopften Brenner zum Horrortrip werden.
Anreise: Am komfortabelsten geht es mit dem DB-Autozug nach Bozen. Günstiger und schneller kommt man auf Achse voran, dann direkt über den Brenner. Besonders schön ist die Anreise über Garmisch, Inntal- und Brennerbundesstraße.
Literatur/Karten: Neben den Karten und Roadbooks, die in den Mohos ausliegen, kann man sich mit jeder handelsüblichen Straßenkarte etwa von Michelin (www.michelin.de) oder ADAC (www.adac.de) zurechtfinden, die Beschilderung ist meist sehr gut. Auch eine Generalkarte Italien im Maßstab 1:200 000 sollte den meisten Ansprüchen genügen. Tourenvorschläge, Karten und Roadbooks gibt es beispielsweise in „Die schönsten Routen in den Dolomiten“ vom Bruckmann-Verlag oder in „Motorradtouren in Norditalien“ vom Heel-Verlag.

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