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Gespann-Reise: Mit der Moto Guzzi nach Norwegen

 

Dieser Trip sollte anders sein: seit Jahren zum ersten Mal alleine in den Urlaub, seit Jahren mal wieder mit dem vernachlässigten, schon beleidigten Guzzi-Gespann. Doch wohin? Italien, Spanien, Frankreich, alles schon gehabt. Der Finger auf der Landkarte bleibt an Norwegen hängen. Norwegen? –  meinetwegen. Wenn schon anders, dann richtig.

 

Kiel-Oslo steht auf dem Ticket der Color-Line und könnte meine Guzzi belämmert gucken, hätten wir wahrscheinlich den gleichen Gesichtsausdruck. In Skandinavien ist es doch immer kalt, oder?? Doch gebucht, getan, Vorurteile sind zum Ausräumen da. Ein paar Minuten später ruht die Guzzi im Schiffsbauch und ich inhaliere die frische Seeluft.

Am nächsten Morgen empfängt uns der Oslofjord mit Bilderbuchwetter, doch mein Adrenalinspiegel ist recht hoch. Wenn da nur nicht dieser Knall auf der Autobahn kurz vor Kiel gewesen wäre. Zwar lief das Motorrad noch, doch ein undefinierbares, saugendes Geräusch von irgendwoher sorgte für ein paar Sorgenfalten. Aber was soll’s, zumindest Oslo ist für den Moment erreicht.

Also ab auf Deck 5, auf die Guzzi gesetzt, Choke linker Vergaser, Choke rechter Vergaser - meine Finger gleiten am Dell ´ orto ins Leere. Ungläubig fummel ich weiter an der Gemischfabrik. Doch nun weiß ich was auf dem Weg nach Kiel knallte. Das verschraubte Choke-Gehäuse ist komplett weggeflogen. Kein Wunder, dass die italienische Diva zischt und röchelt wie Berlusconi beim Seitensprung. Doch anspringen tut sie. Ist schon prima, wenn kein Computer-Sklave Aua ruft und alles blockiert. So kommen wir beide irgendwie aus dem Bauch der Fähre raus und nehmen die ersten Meter norwegischen Bodens unter die Räder. Während wir uns über die vierspurige Hauptverkehrsstraße Richtung Westen quälen, rattern die Gedanken, wie ich den Defekt beheben kann, durch meinen Kopf. Da rauscht das Firmenschild eines Motorradhändlers an mir vorbei. Ich haue in die Bremse, setze zur Schleuderwende an und fahre zurück. Jannis Motocross- und Enduroshop steht auf dem Schild und Jannis wechselt gerade an einer Affen-Twin die Bremsbeläge. Ich schildere dem Mann mein Problem. Eine geschlagene Stunde sucht und feilt und bohrt er an einem Blindstopfen für meinen Vergaser. Als alles wieder läuft frage ich ihn was er bekommt: „ Kauf mir ein Eis im Supermarkt nebenan!“ Ich staune und kaufe ein wunderbares Erdbeereis. Nach dem wohl kuriosesten Arbeitslohn, den ich je bezahlt habe, kann der Norwegen-Trip endlich richtig losgehen.

Ich treibe die Guzzi auf der E7 bis nach Nesbyen. Die Hauptstraße ist eher langweilig, doch irgendwann erreiche ich die Abzweigung, die in das Tal Rukkedalen führt. Die Landschaft wird rauer, die Straße auch. Aber Natur satt und kein Verkehr lassen das holprige Asphaltband zur Nebensächlichkeit verkommen. Auch die Temperaturen gehen in den Keller, denn die Strecke steigt zwar langsam, aber stetig an. Mehr als einmal zwingen uns Kühe, die Straße und Weide eindeutig verwechselt haben, zu Zwangspausen. Ich komme mir vor wie ein Ausstellungsstück, so dämlich glotzen die Biester uns an. Na ja, vielleicht sind es ja auch nur Italo-Fans.

In Geilo steht eine Entscheidung an:  Richtung Norden über die Landstraße 50 nach Aurland, die Höhenangaben auf meiner Karte liegen dort weit über 1700 Metern und die Wolkendecke wird immer dichter, oder Richtung Eidfjord. Der Weg dorthin scheint zwar auch nicht gerade eine Tiefebene zu sein, doch für Zeltaufbau und chillen ist es mir definitiv zu früh. Ich lasse die Guzzi an und mit frohem Zweizylinderblubbern fahren wir zum Eidfjord.

Doch es kommt wie befürchtet: es wird immer kälter und der strahlend blaue Himmel, der mich in Oslo am Morgen empfing, ist endgültig einer tiefschwarzen Wolkendecke gewichen.

Und so kommt es wie es kommen musste: Es ist kalt, es ist nebelig und die wunderbare, einsame Landschaft zieht an mir vorbei und ich muss mich konzentrieren, um nicht überall gleichzeitig zu zittern.  Wärmere Sachen anzuziehen kommt nicht in Frage, denn schlauerweise habe ich die irgendwo tief im Seitenwagen vergraben. Tja, Norwegen ist halt nicht Südspanien. Aber trotz des miesen Wetters kann ich zwischen den Regentropfen auf dem Visier die einsame, urwüchsige Landschaft bestaunen. Und so jage ich mit der Guzzi vorbei an herrlichen Seen und weiten Geröll- und Schneefeldern. Die gut ausgebaute Straße windet sich in herrlichen Kurven immer weiter über die Hochebene, scheint nie mehr bergab gehen zu wollen. Irgendwann bemerke ich doch ein leichtes Gefälle und es geht langsam aber sicher nach unten. Auch die Temperaturen steigen stetig und als der erste Campingplatz in Sicht kommt, denke ich nur „ Meiner“ und setze den Blinker.

Am nächsten Morgen erwache ich bei recht angenehmen Temperaturen und mit der Freude auf einen verlockenden Tag im Motorradsattel. Der Asphalt verkündet zwar mit einigen feuchten Stellen vom Regen des Vortags, doch der blaue Himmel über mir erzählt eine andere Geschichte.

Doch kaum ist der Motor warm, als schon eine imaginäre Sprechblase mit „Boooaahr“ über mir schwebt: Vor mir baut sich eine Felswand auf und feuchte Nebelschwaden wabern vor den rauen Wänden, die mit jedem Meter größer werden. Ein Wegweiser nach links zeigt den Weg zum Vøringfossen, ein Wasserfall, den ich noch gar nicht erwartet hatte. Ich überlege nur kurz und nehme die Abzweigung, um mir das Schauspiel zu gönnen. Ein paar hundert Meter weiter steht bereits einen Parkplatz mit Kassenhäuschen, doch der junge Typ scheint ein Herz für Biker zu haben und winkt mich durch. Beeindruckt schaue ich in die tiefe Schlucht, in die sich aus 182 Metern Höhe 12,4 Kubikmeter von Gischt ummantelte Wassermassen pro Sekunde nach unten stürzen.

Zurück auf der Hauptstraße Richtung Eidfjord genießen Guzzi und ich die fantastische Straßenführung. Kurios sind die kurvigen Tunnel, die einem das Gefühl vermitteln, man fahre in einer Spirale. Oder man müsste gleich wieder am Tunnelanfang sein. Die Kurvenhatz endet mit einer grandiosen Sicht auf den Eidfjord. Ich genieße

die Fahrt längs des Wasser: beeindruckende Landschaft eine ordentliche Straße und der Fix-Stern am HimmeI in Höchstform – was will man mehr. In Brimnes geht es mal wieder aufs Wasser: Die erste Fährfahrt über einen Fjord bringt Guzzi und mich nach Bruravik. Wir folgen der E 16 Richtung Nærøyfjord. Ich beschließe noch eine Nacht zu campen und mich morgen ganz der Fjord-Fahrt hinzugeben – wenn das so weitergeht, bekomme ich noch ein Kaptäns-Patent.

Besser auf der Fähre Kaffee schlürfen, als die Tropfen vom Visier aufsaugen, denke ich, als es am nächsten Morgen regnet. Kaum bin ich an Bord, zieht es mich unter Deck ins Trockene. Doch schon kurz nach dem Auslaufen reicht mir der Blick durch die Plexiglas-Scheiben nicht mehr und ich stelle mich draußen in den Regen – ich will die Landschaft riechen, schmecken, fühlen: Bis zu 1200 Meter hohe Felswände begrenzen den Wasserarm auf dem wir uns vorwärts bewegen. Nur wenige Dörfer liegen gequetscht zwischen Wasser und Felsen am Ufer. Es ist wunderschön und ich male mir aus, wie die gewaltigen Gletschermassen vor Urzeiten tätig waren und den Fjord formten. Und tatsächlich tummeln sich auf einem Felsvorsprung ein paar Seehunde. Ich bin nass, ich bin kalt aber ich genieße die drei Stunden Fährfahrt bis das Schiff in Kaupanger wieder anlegt.

Zeltaufbau im Regen muss nicht sein und so gönnen ich mir eine dieser typisch skandinavischen Holzhütten, die man fast auf jedem Campingplatz mieten kann.

Nach viel Natur pur heißt das nächste Ziel Bergen. Die Nebenstrecke entlang des Bergsdalen bietet reichlich Aussicht auf klare Bergseen und hohe Gipfel. Völlig einsam schlängelt sich die Straße durch eine nahezu menschenleere Gegend. Hier und da lockern ein paar Hütten, die einsam an spiegelglatten Seen stehen, das Bild urzeitlicher Landschaft auf. Den spektakulärsten Teil haben sich die Straßenbauer aber für die letzten Kilometer aufgehoben. Enge Felswände nehmen die Straße immer mehr in die Zange, quetschen das schmale Asphaltband an ihre Flanke und drücken es in wie eine Spaghetti-Nudel durch ein Sieb bergab. Erinnerungen an Fotos einer Straße in Spanien, die ich nie gefunden habe, erscheinen auf meinem inneren Monitor – wieder was für den Südländer in mir. Noch ganz berauscht treffe ich wieder auf die doch verdammt breite, große und viel befahrene E 16, der ich bis Bergen treu bleibe.

Recht früh parke ich die Guzzi am nächsten Morgen in Bergen, die auch als heimliche Hauptstadt Norwegens gehandelt wird. Auch die UNESCO hat ein Auge auf die Stadt geworfen und das einstige Hanseviertel Tyske Brygge zum Weltkulturerbe ernannt. Kein Wunder, die malerische Holzhäuserfront nahe des Hafens ist echt schick und das perfekte Fotomotiv.

Das Motorrad finde ich noch an seinem Platz und verlasse Bergen bei bestem Wetter. Am Steindalsvoss lege ich nochmals eine Pause ein. Zwar findet man in Norwegen ständig irgendwelche Wasserfälle, aber das besondere an diesem ist, dass man hinter der Wasserfront durchlaufen kann.

In Norheimsund überquere ich den Hardangerfjord nach Jondal. Das schmale Sträßchen entlang des in der Sonne glitzernden Fjords entpuppt sich als Traumstrecke. Einen weiteren spektakulärer Wasserfall erreiche ich mit dem Låtefoss direkt an der Landeshauptstraße 13 gelegen: Mit lautem Getöse stürzt sich das Wasser in zwei Armen zu Tal und sorgt an dieser Stelle für eine permanente Bewässerung der Straße. Es hängt ein Wassernebel in der Luft, der Fotografieren aus der Nähe nahezu unmöglich macht. Das Objektiv ist in Windeseile mit einem feinen Feuchtfilm versehen. Ich genieße den Anblick aus trockener Entfernung, bevor ich mich selber antreiben muss, schließlich ist das nächste Ziel, der wohl berühmteste Aussichtspunkt Norwegens, der Preikestolen, noch ein paar Stunden Fahrt entfernt. Ich schlage mein Lager auf einem Campingplatz bei der bekannten Felskanzel auf und entspanne für den Rest des Tages, denn morgen will ich als anerkannter Wanderer-Verweigerer die zwei Stunden zur Kanzel auf mich nehmen.

Starker, böiger Wind macht mir morgens allerdings Sorgen, ob der Aufstieg zum Predigerstuhl überhaupt Sinn macht. Doch probieren will ich es allemal und bin froh, dass sich an diesem Montagmorgen zwar keine Touristenströme am Startpunkt einfinden, aber immerhin ein paar weitere Wandervögel. Als ich endlich schweißgebadet oben ankomme, weiß ich, wofür ich mich gequält habe. Weit reicht der Blick von dem nahezu quadratischen Felsvorsprung in die norwegische Landschaft hinein. Das weit vorspringende Felsplateau thront hoch über dem Lysefjord. Nur wer schwindelfrei ist, traut sich bis an den Rand, um einen Blick auf die nahezu senkrechten Felswände zu haben, die 604 Meter in die Tiefe führen.

Erschöpft, mit wunden Füßen, aber zufrieden, ziehe ich zum letzten Mal den Schlafsack bis zur Nasenspitze zu. Morgen müssen knapp 500 Kilometer bis Oslo abgeritten werden. Die Wetterprognose erinnert mich an meinen ersten Tag hier. Aber egal, ich nehme jede Menge Erinnerungen mit, freue mich einfach schon mal auf die Mini-Kreuzfahrt mit der Color-Line-Fähre bevor meine Augen zufallen.

Arnold Gerhard

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