Die einen haben es eilig, die anderen machen es kurz. Unser Ex-Redakteur Normen dagegen machte einen auf gemütlich und war in den vergangenen sechs Jahren nur sehr langsam unterwegs – goldrichtig, wie sich am Ende gezeigt hat. Eine kurze Zusammenfassung seiner gescheiterten Weltreise mit Happy-End.
Uhh, das klingt hart: Gescheiterte Weltreise. Aber gut, es liegt im Auge des Betrachters, wie man das ganze bewertet. Ich würde es als maximalen Erfolg feiern. Nach dem Grund meiner Reise befragt, antwortete ich häufig: Wie lange muss man reisen, bis man die Schnauze voll hat und wo auf der Welt kann man sich einen exotischen Wohnsitz zulegen, um dort ein neues Leben anzufangen?
2003 ging es los. Die Super Ténéré, komplett umgebaut für „größere“ Aufgaben, war bereit, in das Land des Namensgebers zu fahren. Mit der Ténéré in die Ténéré lautete das erste Ziel. Also rein in die tunesische Amok-Fähre namens „Habib“ von Genua nach Tunis – und schwupps steht man wenig später schon in Afrika. Klingt schon mal gut, vor allem die beeindruckende Idee, von jetzt ab auf Achse irgendwie bis nach Kapstadt durchfahren zu können. Wer weiß, was da noch alles auf mich zukommt. Zunächst einmal geht es nach Algerien, wo ich bereits von algerischen Freunden in Bou-Saada erwartet werde.
Kaum habe ich mich ein paar Monate entspannt, örtliche Immobilienpreise studiert und an das Wüstenklima gewöhnt, taucht die Meldung auf, dass täglich Touristengruppen im Süden Algeriens verschwinden. Einfach so, spurlos. An eine Weiterreise ist seitens meiner Freunde nicht zu denken, die mich bis zur Aufklärung beherbergen.
Sprich, es vergehen noch einmal drei Monate, bis ich endlich auf dem Weg nach Tamanrasset bin. Bei der Fahrt Richtung Süden
klären mich sämtliche Militärkontrollposten auf, dass ich seit rund einem halben Jahr der erste Tourist bin, der hier vorbeikommt. Was zu der richtigen Annahme führt, wohl auf keine anderen Motorradfahrer in der Sahara zu treffen.
Dafür lerne ich einen Tunesier kennen, der Land Cruiser in den Niger exportiert und somit das gleiche Ziel wie ich hat. Zuvor haben wir uns das nötige Visum für den Niger besorgt und sind bereit, die verbleibenden 500 Kilometer ohne Straßen bis zur Grenze in Angriff zu nehmen. Kein Problem, das Fahren im Sand ist dank der zahlreichen Modifikationen meiner Ténéré mit 850er TRX-Motor ein Genuss.
Ein Problem dagegen ist der gigantische Bulldozer-Reifen, der nur zehn Kilometer vor der Grenze zum Niger plötzlich vor mir auftaucht. Schwarze Reifen auf schwarzer Straße in völliger Dunkelheit sieht man in der Regel zu spät. Krach – ich mache einen auf Superman no Hand, fliege bei Tempo 70 ohne Ténéré eine gefühlte Ewigkeit durch die Luft, bevor ich auf dem Kopf lande. Genauer gesagt auf meinem neuen Schuberth-Helm, der zwar seinen Zweck erfüllt, aber anschließend hinüber ist. Mir selbst ist außer einer Schürfwunde am Knie nichts passiert. Ich stehe nur ein wenig unter Schock, allerdings neben einem ungünstig gefalteten Motorrad: Rahmen stark verbogen, Gabelholme geknickt, Felge mit Riss und einem zerbröselten Gepäckträger. Ende der Reise nach nur sechs Monaten?
Ab jetzt geht es ganz schnell: Mein Tunesier sagt an der Grenze Bescheid, ein paar algerische Militärs im Auto kommen angeflitzt und sagen: „Pas de problem“, kein Problem, der nächste Lkw nimmt dich mit nach Tamanrasset. Gott wollte nicht, dass ich in diese Richtung fahre, und schickt mich stattdessen zurück nach Norden, damit ich mich für eine andere
Route entscheide – Inschallah! In der Tat können meine algerischen Freunde ein paar Wochen später die Ténéré wieder gerade biegen, aber der Motor bedarf eines Austausches – unter Belastung rutscht die Steuerkette über die abgebrochenen Zähnchen der Kurbelwelle. Im normalen Fahrbetrieb merkt man nichts davon. Daher schaffe ich es zwar zurück nach Tunesien, aber leider geht kurz hinter der Grenze nichts mehr. Ein Anruf beim ADAC bringt mich drei Tage später ungewollt zurück nach Köln – dabei wollte ich doch nur einen neuen Motor.
Bei Racetronics in Berlin finde ich einen neuwertigen TRX-Motor, meine alte XTZ liefert neue Gabelholme und einen Gepäckträger dazu. Fertig ist das Reisemobil für den nächsten Versuch, Afrika zu durchqueren. Eine erneute Anreise über die Alpen im Winter nach Algerien erscheint mir zu kalt, außerdem präsentiert LTU just im passenden Moment ein pfiffiges Angebot: mit der Yamaha im Gepäck zum Spartarif nach Kenia! Gut, ein paar Länder lasse ich dadurch aus, aber Afrika ist ja groß genug.
Eben noch in Frankfurt, schon bin ich mitten in Schwarzafrika. Wie ich es gewohnt bin, lerne ich beim Warten auf der Likoni-Fähre
in Mombasa die ersten Leute kennen, die mich zu sich nach Hause einladen. Auf dem Campingplatz in Diani Beach wird Wachmann „Augustin“ mein bester Freund. Später, auf dem Weg zu einer Safari in der Nähe von Nairobi, klaut man mir nicht nur meinen Pass, sondern auch noch meine gesamte Fotoausrüstung. Vom Stress der Wiederbeschaffung mag ich gar nicht reden. Immerhin entschädigt die beeindruckende Offroad-Safari durch das Land der Massai und diverser Nationalparks für den Verlust der Wertsachen. Irgendwann lande ich bei Carmen aus Leverkusen, die schon länger in Kenia wohnt und mir ein schickes Gästehaus zur Verfügung stellt.
Wohnen in Kenia? Niemals. Nach rund vier Monaten an der Küste des Indischen Ozeans, zahlreicher neuer Freunde und noch mehr Korruption von staatlicher Seite verabschiede ich mich Richtung Uganda. Dort scheint die Welt freundlicher gestimmt: nette Leute, tolle Natur und das einzige Land, in dem man selbst mit Motorrädern in Nationalparks darf – was einige hungrige Raubkatzen wohl gelegentlich ausnutzen.
Solange es das Visum hergibt, verbringe ich dort die meiste Zeit am Nil und lande unweigerlich nach einer Rund-um-den-Victoriasee-Tour in Tansania. Auch da lässt es sich ein paar Monate aushalten, vor allem im warmen Wasser des Indischen Ozeans nahe Dar-Es-Salam. Zur Abwechslung geht es landeinwärts nach Malawi, wo man im gleichnamigen Malawi-See ein paar Monate entspannen kann. In Sambia sind es die Victoria-Wasserfälle und Tse-Tse-Fliegen-Kontrollposten, die mich faszinieren, wogegen in Botswana die wilden Tiere auf der Straße rumlungern und ganze Elefantenherden beim nächtlichen Camping am Pistenrand vorbeischauen.
Und plötzlich stehe ich in Südafrika, genauer gesagt fahre ich über tolle Straßen, sehe deutsche Autos und eine Ordnung, wie ich sie
seit Europa nicht mehr erlebt habe. Es gefällt mir so gut, dass ich am liebsten gleich bleiben möchte. Nach genau zwei Jahren kommen meine Eltern für einen Besuch nach Namibia, wir mieten uns ein Auto und kurven einen Monat durch ein faszinierendes, traumhaft schönes, aber fast leerstehendes Land. Meine ständig ablaufenden südafrikanischen Dreimonatsvisa werden durch Ausreisen nach Lesotho, Swaziland und Mosambik erneuert.
Klar, dass jeder Aufenthalt im „Ausland“ jede Menge Abenteuer mit sich bringt. Aber auch in Südafrika wird mir nicht langweilig: In Johannesburg mutiere ich zum Ferrari-Fahrer und Zwölfzylinder-Zerleger, in Kapstadt werde ich im Chill&Surf-Backpacker fast wohnhaft. Rund zweieinhalb Jahre bin ich nun in Afrika, 55 000 Kilometer hat die Yamaha hier abgespult. Zeit für einen Kontinentwechsel.
Die Ténéré wird per Schiff nach Argentinien schippern, während ich den günstigen Flieger nach Buenos Aires nehme. Und jetzt wird es kurios: Statt hilflos ohne Spanisch-Kenntnisse durch Argentiniens größte Stadt zu laufen, lande ich nach zwei Tagen auf einem Toten-Hosen-Konzert. Und nach Ankunft meines Motorrads nach fünf Wochen des Wartens endet
mein erster Tagesausflug nur 300 Kilometer weiter beim berühm-testen Autorennfahrer des Landes, Pato Di Palma. Dieser lädt mich zu zahlreichen Rennen ein und macht mich in Rio Gallegos, auf der südlichsten Rennstrecke der Welt, für zehn Runden zum Co-Piloten. Und wenn ich schon in der Gegend bin, mache ich einen Abstecher zum Ende der Welt, das in Ush-uaia gar nicht so übel aussieht, wie man denkt.
Viel weiter südlich kann man ab hier nicht mehr, es sei denn, man fährt in die Antarktis. Ich persönlich kenne niemanden, der dort schon einmal war. Also muss ich mir wohl selbst ein Bild vom eisigsten aller Kontinente machen, auch wenn der Zwölftagestrip zum teuersten meines Lebens wird. Aber es lohnt sich, die gesamte Tour ist jeden Euro wert und keiner der 60 Passagiere bereut, diesen einmaligen und unbeschreibli-chen Ausflug gemacht zu haben.
Ab jetzt führt die Reiserichtung konsequent nach Norden. Als Gegenstück zur eisigen Antarktis entscheide ich mich für etwas Tropi-sches, den Karneval in Rio de Janeiro. Gut, das sind lockere 6000 Kilometer von Ushuaia aus, aber was soll ein Dauerurlauber denn sonst machen, als von ei-nem Highlight zum anderen zu flitzen?
Klar, unterwegs gab es in Patagonien Gletscher zu sehen, ein paar Nationalparks in Chile habe ich mir auch gegönnt, um schließlich ein paar erholsame Wochen in Uruguay zu verbringen. Erst dann stand der Karneval in Rio vor der Tür, der sich seltsamerweise in einem V-förmigen Stadion abspielte und nicht mitten in der Stadt.
Nach der Reparatur meines GfK-Tanks, der von den 25 Prozent Alkohol im brasilianischen Benzin beschädigt wurde, fahre ich von einer Empfehlung zur anderen. Die Mitglieder des XT600-Clubs sind im ganzen Land verteilt und erwarten mich schon seit dem ersten Tag in Brasilien. Mal wieder gefällt es mir hier so gut, dass ich bleiben möchte. Doch leider lässt sich mein zweites Visum nicht mehr verlängern, was mich schleunigst zur Ausreise zwingt.
Dummerweise geht genau dann meine Zylinderkopfdichtung kaputt, die feuchtfröhlich große Mengen Kühlwasser in die Zylinder lässt. Was folgt sind zwei Monate illegal im Land, in denen geschraubt, gewartet und Ersatzteile besorgt wer-den, bis ich mit frischem Motor über den Paraná-Fluss nach Paraguay ausreisen kann. Klingt dramatisch, war es aber auch!
Jetzt aber verändert sich was. Nach meinen ersten vier Wochen in Argentinien dachte ich noch, dass sechs oder acht Monate für Gesamt-Südamerika ausreichen würden. Nun jedoch ist schon mehr als ein Jahr vergangen. Und irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich noch lange nicht „fertig“ mit Südamerika bin. Meine Aufenthalte werden immer länger, meine Ambitionen, schnell weiterzukommen, immer geringer.
Habe ich überhaupt noch Lust weiterzufahren? Ja, das schon, aber dennoch führen mich meine Reisen immer wieder zu denselben Menschen. Dreimal geht es zu meinen Freunden nach Para-guay, zwei Besuche statte ich in Uruguay ab und nach Argentinien bin ich laut Stempel-Chaos meines Passes insgesamt acht Mal eingereist. Es sieht so aus, als wolle ich bleiben! Geht aber nicht so einfach.
Dann jedoch, nach einem weiteren Jahr von hier nach da, mache ich mich endgültig auf den Weg nach Norden. Bolivien steht auf dem Programm. Aber die ständige Höhe und Kälte sowie die schlechten Pisten signalisieren mir nicht unbedingt, dass dies ein dauerhaftes Ziel werden könnte. Zwar begeistert mich der Salar de Uyuni, der größte Salzsee der Welt, aber mehr als ein paar Wochen kann man es auch dort nicht aushalten – bei Nachttemperaturen von Minus 18 Grad. Weiter geht es nach La Paz. 4000 Meter hoch, meistens kalt, beeindruckend, aber für immer hierbleiben? Nee, auf gar keinen Fall.
Wie gut, dass ich Fernando kennenlerne, der mich mit nach Santa Cruz nimmt. Endlich eine Stadt in Bolivien, in der es heiß ist. Wir genießen tropische Atmosphäre, gehen lecker essen und besuchen am Ende des Tages eine
Messe. Und ausgerechnet am deutschen Stand lerne ich sie kennen: Cher. Als Übersetzerin für das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie spricht sie natürlich Deutsch, was mir sehr gut gefällt, da wir uns „normal“ unterhalten können. Klar, wir tauschen E-Mail-Adressen aus und verabreden uns für ein weiteres Treffen.
Doch mal wieder läuft mein Visum ab, ich reise vollbeladen nach Peru. Schon in der ersten Nacht wird mir klar, dass ich ohne ein weiteres Treffen mit Cher nicht weiterreisen kann. Irgendwas war da, irgendwas wird noch passieren. Nicht nur ich denke so, auch Fernando und seine Freunde sehen die Sache ähnlich. Daher fahre ich zurück nach Bolivien, um mich mit Cher zu treffen. Ich besuche sie bei ihren Eltern in einem kleinen Dorf namens Santa Rosa. Und nach nur drei Tagen, unzähligen Fragen und Antworten sowie halbtägigen Wanderungen durch den Dschungel steht fest: Meine Reise ist beendet!
Ich hab die richtige Frau gefunden. Und daher steht das nächste große Abenteuer vor der Tür, eine Hochzeit! Alles läuft ohne Zweifel ab. Und cool ist, dass ich alles bekomme, was ich mir immer gewünscht habe: eine bildhübsche Latina zur Frau, ein Haus in
einer tropischen Gegend, nie wieder Winter und ein exotisches Land als neuen Wohnsitz, wo ein Liter Sprit nur 37 Eurocents kostet.
Okay, aus der geplanten Weltumrundung ist nach ziemlich genau sechs Jahren und 100 000 Kilometern nur eine halbe geworden. Aber bin ich deswegen gescheitert? Ich glaube nicht, das Happy-End gibt mir Recht.
Das Kapitel Weltreise ist beendet. Warum nicht zur Abwechslung ein paar statistische Erhebungen statt wirrer Erzählungen? Daher ein paar Zahlen:
1) Abfahrt: 3. Juli 2003
2) Vergangene Zeit seit Reiseantritt: 87 Monate
3) Gefahrene Strecke: rund 113 000 Kilometer
4) Verbrauchte Reifensätze: zehn (sechs Metzeler Enduro 3, drei Metzeler Karoo, ein Pirelli MT21)
5) Finanzielle Ausgaben: Nicht den Hauch einer Ahnung!
6) Besuchte Länder: 24, davon 14 in Afrika, sechs in Südamerika, drei in Europa, Antarktis
7) Diebstähle: einer in Kenia (Fotoausrüstung, Papiere, Geld)
8) Pannen: drei, abgesehen vom Sahara-Crash – einen
defekten Öhlins-Stoßdämpfer nach 25 000 Kilometer, defekte
Zylinderkopfdichtung in Brasilien sowie den sechsfachen
Rahmenbruch in Bolivien
9) Teuerstes Visum: Algerien (55 Euro), gefolgt von Kenia (50 Euro) und Niger (35 Euro)
10) Größte Reichweite mit einer Tankfüllung: 1151 Kilometer inklusive Gepäck und Aluboxen
11) Höchste Temperatur: 52 Grad Celsius (Sahara)
12) Tiefste Temperatur: minus 24 Grad Celsius (Antarktis)
13) Platte Reifen: vier (davon drei vorn)
14) Gesamtausgaben für Korruption: 30 Euro (Kenia)
15) Billigster Sprit: Algerien (0,22 Euro)
16) Teuerster Sprit: Brasilien (1,12 Euro)
17) Anzahl aller Unfälle: drei (alle in Afrika)
18) Stürze im Gelände: 0
19) Geschätzter Anteil an Campingnächten: 40 Prozent
20) Meiste Zeit in welchem Land verbracht: Jeweils acht Monate in Südafrika und Brasilien
21) Kürzeste Zeit in einem Land: Sambia (zwei Wochen, beschränktes Gratis-Visum)
22) Land mit größtem Verkehrschaos: Uganda
23) Land mit geringstem Verkehr: Namibia
24) Verschwundene Klamotten, die zum Trocknen auf der Leine hingen: acht Unterhosen, sechs T-Shirts, drei Paar Socken, ein Pullover, ein Handschuh
25) Kompliziertester Import des Motorrads: Argentinien (Hafenzoll, Buenos Aires)
26) Längste Strecke am Stück ohne anzuhalten: 550 Kilometer (Brasilien, dann musste ich
dringend pinkeln!)
27) Land mit der schnellsten Ein- und Ausreise: Uruguay (zwei Minuten für die Ein- und eine Minute für die Ausreise)