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Springtheorie: Montesa 4Ride im Fahrbericht

Es ist alles nicht so, wie es scheint: Auf der ersten Testfahrt lehrte uns Montesas Krabbel-Enduro „4Ride“, die Welt aus anderen Blickwinkeln zu betrachten. 

Ist das wahr oder doch bloß eine Projektion? Postkartenhimmel spiegelt sich im Mittelmeer, Pinienwälder wiegen sich in lauer Brise, und die Küstenstraße zwischen Tossa und Lloret de Mar aalt sich zu unseren Füßen wie eine einsame Bikini-Schönheit in der Sonne. Obwohl jeder Sommertourist weiß, dass hier der Teufel los ist. Das kann also gar nicht echt sein. Wahrscheinlich hat Hobby-Physiker Frank recht, der immer von projiziierten Räumen redet, nachdem er ein neues Buch über die Stringtheorie gelesen hat. Aber ich bin eher der romantische Typ. Ich suche den Erkenntnisgewinn beim Fahren.
„Easy to enjoy a day riding offroad motorcycles“, hat uns Honda-Montesa für den Testtag der 4Ride versprochen. Der Blick aufs Starterfeld verrät gemischte Erwartungen: Trial-Crack Hans und Enduro-Profi Daniel haben möglicherweise andere Vorstellungen von Gelände-Spaß als angestaubte Allzweckjockeys wie ich. Ich bin eher Fernfahrer mit Freude am Schwierigen. Die 4Ride dagegen ist ein Wettbewerbs-Trialmotorrad, dem Montesa die Freude am Touren beigebracht haben will. So gesehen kommen wir uns irgendwo in der Mitte entgegen.

Wobei sich die Montesa gar keine Mühe gibt, ihre Abstammung vom Sportgerät Cota 4RT260 zu leugnen. Für den gemütlicheren Kundenkreis füllten die Spanier die Lücke, in der Trialer maximal einen Notsitz tragen, mit einer zierlichen Endurobank und einem darunter versteckten Staufach. Hier ist Platz für Thermospulle und Pausenbrot, je nach Hunger auch für Picknickdecke oder Regenzeug. 88 Zentimeter Sitzhöhe klingen nach viel, sind aber fast nichts, wenn ein Motorrad so ein Hungerhaken ist wie die 4Ride. 85 Kilo vollgetankt und eine Taille, für die sich keine Wespe schämen müsste, wischen jeden Respekt vor nahenden Herausforderungen beiseite. Kann losgehen!
Aber keine Batterie, kein E-Starter. Also erst mal kicken. Für geringeren Kraftaufwand verlängerte Montesa den Kickstarter , wodurch der rechte Stiefel weit oben Schwung holen muss. Läuft. Sofort hängt der Einspritz-Single knackig am Gas und pöppelt aus dem sturzgeschützten Endtopf, der für sanfteren Sound und fülligere Kraftentfaltung ebenfalls ein paar Zentimeter länger wurde. Erster Gang. Wo ist der Schalthebel? Um Fehltritte zu vermeiden, sitzt das Ding bei Trialern etwa da, wo man es bei einem AME-Chopper vermutet hätte. Wer nicht Schuhgröße 49 hat oder Schwimmflossen trägt, muss zum Gangwechsel also das ganze Bein bewegen. Einen „normalen“ Hebel mit Umlenkung soll es als Zubehör geben.
Homologierte Leistung oder echte Leistung? Das bleibt eine ewige Frage bei Offroadmotorrädern mit Alibi-Straßenzulassung. Im Schein hat die 4Ride siebeneinhalb PS, der Honda-Eintopf soll für mehr als zwanzig gut sein. Über die tatsächliche Leistung der Testmotorräder gehen die Meinungen der Montesa-Crew auseinander. Ich tippe auf zwanzig, aber die extrem kurze Übersetzung verwirrt meine Sinne. Wobei „kurze Übersetzung“ relativ ist. Die ersten vier Stufen stimmte Montesa länger, sprich: tourenfreundlicher ab. Damit ist die 4Ride schon mal im Rennen, wenn es zum Brötchenholen geht. Für einen längeren fünften Gang fand sich leider kein Platz im getrennten Getriebegehäuse. Topspeed knapp über achtzig fühlt sich an wie bei Normalmotorrädern im ersten.
Aber die 4Ride will ja nicht über ausgelatschte Wege wedeln, sondern die wilden Seiten des Lebens entdecken. Immerhin 120 Kilometer Hinterland sollen im 4,4-Liter-Alutank schlummern. Schon nach den ersten wird auch dem Laien klar, dass sich unsere 30-Kilometer-Testrunde mächtig strecken könnte. Wir fahren Wanderwege. Erst ganz gemütliche, und dann solche, für die Trekking-Experten ihre Teleskopstöcke ausfahren und sich für alle Fälle das Klettersteigset in den Rucksack packen würden.
„Excursion-Trial“ stand irgendwo in der Modellbeschreibung. Tatsächlich sind wir in einer anderen Dimension unterwegs. Über Geröllrinnen, Felskanten und Böschungen, die in jedem Reiseenduristen Gedanken an Schweiß, Schmerzen und splitternden Kunststoff wecken, kraxelt die Montesa einfach so hinweg. Die Bodenfreiheit ist grenzenlos, die schlauchlosen Dunlops haften wie Geckofüße, und der steil nach oben gekröpfte Lenker lässt sich praktisch quer zur Fahrtrichtung stellen.
Letztere Erkenntnis verdanken wir einem Experiment mit folgendem Versuchsaufbau: Steilhang bergab, Felsen, Fotograf. Dann bei langsamer Fahrt und eingelenktem Rad die giftige Braktec-Vorderbremse aktivieren. Ergebnis: 85 Kilo Motorrad und 75 Kilogramm Fahrer drücken dergestalt auf die Split-Gabel, dass weitere Lenkkorrekturen unmöglich werden, und das Gesamtkonstrukt sauber vorwärts abrollt. Weitere Resultate: Der Schräglagensensor stellt nach mehr als sieben Sekunden Schieflage tatsächlich zuverlässig den Motor aus, und der geschmiedete Kupplungshebel bricht nicht einfach ab, sondern verformt sich zu einer eleganten Aluskulptur. Sehr schön.
Vermutlich lag es an den Gravitationswellen. Aber da die edel verarbeitete Montesa auch unfreiwillige Kapriolen locker wegsteckt, schwindet die Furcht vor der Niederlage mit jedem Meter und macht dem Prinzip Trial and Error Platz. Ein herrliches Gerät, um an seinen Fahrkünsten zu feilen und die Welt der Physik auf den Kopf zu stellen.
Fragt sich nur, wo. Als sanfte Krabbelenduro ruft die 4Ride im Grüngürtel zwar nur ganz zaghaft nach Ärger. Aber der anheimelnde Gedanke, mit ihr aus der heimischen Garage direkt in die Wildnis zu fahren, dürfte für die meisten Mitteleuropäer eine Fantasievorstellung bleiben. Auch die 4Ride ist eben eher der romantische Typ: gebaut für eine schönere Welt.
 
Fazit: Exotisches für die Nische: Mit ihrem Ansatz als Wander-Trialer hat die 4Ride das Zeug, alle zu begeistern die auf der Alm wohnen oder ein Offroadparadies in der Nähe haben. Da das nur auf wenige zutrifft und allzu viele Wohnmobilreisende sportlichen Ehrgeiz vermissen lassen, wird die Montesa in der europäischen Wildnis wohl nur ganz selten in eine Fotofalle fahren.
 
von Guido Bergmann
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Technische Daten Montesa 4Ride

Motor: Einzylinder-Viertakt, flüssigkeitsgekühlt, vier Ventile
Hubraum: 258,9 cm3
Bremsen v./h.: 185-mm-Scheibe mit Vierkolben-Festsattel/180-mm-Scheibe mit Zweikolben-Festsattel
Federweg v/h: 199/170 mm
Reifen v./h.: 80/100-21 / 120/100 R18
Tankinhalt: 4,4 l
Leergewicht vollgetankt: 85 kg
Sitzhöhe: 880 mm
Preis inkl. Nk.: 7835 Euro
 

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 4.4 (22 Bewertungen)

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