Überflüssigen Quatsch hat es in der Motorradszene ja immer schon gegeben. Wer bei solchen Worten spürt, wie der innere Wackeldackel den Kopf bewegt, hat wahrscheinlich selbst eine lange Karriere auf, sagen wir mal: rustikalen Motorrädern in den Knochen. MZ, Guzzi, Boxer-BMW, irgend so was. Oder Yamaha XT.
E-Starter? Ihr Weicheier! Vier Ventile? Wozu der Zinnober, wenn zwei es auch tun? Flüssigkeitskühlung stört nur beim Kolbenwechsel, Einspritzanlagen sind für Leute, die keine Vergaser zerlegen können, und in eine gute Zündanlage gehören Kontakte, die man unterwegs mal eben mit Zigarettenpapier justieren kann. Und nun also auch noch ABS. Gestern noch umstritten, heute akzeptiert und morgen genauso selbstverständlich wie der übrige „Hightech“-Kram. Das Erlebnis, dank Regelelektronik vor der Stoßstange zum Stehen gekommen zu sein, statt mit blockierendem Vorderrad ins Blech zu rutschen, kann dabei noch bekehrender wirken als die bloße Erkenntnis, dass „wartungsfrei“ mehr wert ist als „wartungsfreundlich“.
Die Zeiten, in denen sich der Bremswächter wie ein Fettring ums Motorrad legte, sind ja zum Glück auch vorbei. Gerade mal drei Kilo soll das ABS-Paket aus Modul, Sensorik und Leitungen der Ténéré auf die Rippen packen. Die ohnehin gut gepolstert sind: 209 Kilo, also drei Kilo mehr als die Normalversion soll sie laut Yamaha wiegen. Inklusive Kofferhaltern und Bordwerkzeug biegt sich die Redaktionswaage dann unter 214 Doppelpfund. Plus Koffer, macht 224 Kilo für die noch völlig unbeladene Reiseenduro.
Zur Erinnerung: Das ist ein halber Zentner mehr, als früher mal eine BMW R 80 G/S gewogen hat. Die galt immerhin als echtes Männermotorrad. Entsprechend schüchtern begegnen zierliche Gestalten der Yamaha. Dass die Sitzhöhe um dreieinhalb Zentimeter gesunken ist, fällt angesichts von Buckeltank und Rallyeverkleidung erstmal nicht auf. In 86 Zentimeter Höhe fühlt sich manche Frau sowieso immer noch wie im Ausguck der Gorch Fock.
Dass es nicht noch höher zugeht, liegt nicht am neu geformten Polstermöbel mit der hübschen Velours-Sitzfläche. Vielmehr hat Yamaha das Messer da angesetzt, wo es Geländefreaks am meisten schmerzt und an beiden Rädern fünf Zentimeter Federweg eliminiert. Eindeutig ein Schachzug, um den ABS-Technikern durch straffere Radführung die Abstimmungsarbeit zu erleichtern.
Mit Erfolg: Mit 41 Metern aus 100 km/h stauchte Chefbremser E-Man beachtliche Bestmarken auf unsere Referenzstrecke. Vor allem angesichts des schmalen 21-Zoll-Vorderrads ein gutes Zeugnis für die Bremse und Pirellis Scorpion Trail. Erst nach mehreren Durchgängen zeigte die Doppelscheibe Hitzewirkung, was den schlechteren Wert im Messdatenkasten erklärt.
Die härtere Gabel hält den Schaukelpferdchen-Effekt dabei gut im Zaum. Allerdings verbreitet sie auch nicht mehr die Samtpfötigkeit alter Ténéré-Tage. Da dieses Motorrad weiterhin auch zu Gröberem imstande sein soll und es bis auf die Federbasis des hinteren Stoßdämpfers nichts einzustellen gibt, musste die Dämpfung entsprechend zäh ausfallen. Kein Thema in einigermaßen gut gewartetem Verkehrsraum, aber schon die Frostschäden vom letzten Winter fühlen sich an wie eine Hoggar-Etappe auf der Ur-Ténéré. Zum Glück sind Fahrer und Sozia komfortabel genug untergebracht, um auch Rüttelstrecken entspannt abzuwettern.
Entspannung ist ohnehin so etwas wie das Mantra der Ténéré. Der 48- PS-Eintopf, der so im Prinzip schon vor Euro-III-Zeiten in der XT 660 gerackert hat, will von Hektik nichts wissen. Tapfer legt er sich ohne großes Gerappel und Gerüttel ab 2500 Touren ins Geschirr, baut gemächlich Muskelmasse auf und weist oberhalb der 6000er-Marke freundlich darauf hin, dass ein Ackergaul nun mal kein Rennpferd ist. Dass auf der Autobahn doch gelegentlich eine erstaunliche 180 auf dem Digitaltacho steht, erklärt sich allein durch dessen knapp zehnprozentige Voreilung. Sparen wir uns also die Einzelheiten: Für den schnellen Kick auf der Hausstrecke ist die Ténéré eine Fehlbesetzung.
Aber der schnelle Kick ist ja zum Glück nicht alles im Leben. Da können Red Bull und Co. noch so Flügel verleihen, als Grundnahrungsmittel kommt einem das Zeug bald zu den Ohren raus. Dagegen ist die Ténéré gesunde Vollwertkost für alle Tage. Leicht zu fahren, angesichts des Gewichts überraschend handlich, stabil und auch auf längeren Etappen durchaus gemütlich. Aus gutem Grund vermeidet sogar Yamahas Werbeabteilung jede Rallye- und Vollgasprosa und spricht stattdessen von einem funktionellen, robusten Abenteuermotorrad. In Zeiten allgemeiner Radikalisierung grenzt so viel Bodenständigkeit schon fast an Trotz.
Glaubt man den deutschen Zulassungszahlen, bei denen es der Eintopf-Haudegen wieder nicht in die Top-50 schaffen will, wissen diesen Ansatz nur wenige Fahrer zu schätzen. Vermutlich auch, weil ihn die Preisgestaltung in die Nähe von Konkurrenzmodellen rückt, die neben dem Reisen auch das Rasen beherrschen. Und das bei vergleichbarem Spritverbrauch. Der gemessene Schnitt von 4,6 Litern spricht angesichts des Gebotenen für eine nur mittelmäßige Kostverwertung.
Riesentank, brauchbare Verkleidung, gutes Licht und günstig austauschbare Kunststoffprotektoren kann die Ténéré weiterhin auf der Habenseite verbuchen. Das überteuerte Koffersystem in mittelprächtiger Kunststoff-Ausführung muss ja niemand mitkaufen.
Ténéré-Traditionalisten bauen so was sowieso selbst. Die dürften auch die größten Schwierigkeiten haben, zugunsten eines nicht abschaltbaren ABS auf fünf Zentimeter Federweg zu verzichten. Zumal sie noch ein weiteres Detail vermissen: den ungemein stylischen Multifunktionshaken an der Gabelbrücke. Diese Öse, an der man die Ténéré aus dem Sumpf ziehen, anketten oder auf Bananendampfer hieven konnte, gibt es nur für die Standard-Version. Zugegeben: Auch bei dem Haken handelt es sich ja eigentlich um überflüssigen Quatsch.
Guido Bergmann